Alles zu seiner Zeit - Erinnerungen aus dem alten St. Pauli
Vorwort:
Ein Mensch, der 1943 in St. Pauli geboren wurde, schreibt hier über das, was ihn bewegt: die Politik der Gegenwart, die Erinnerung an eine vergangene Zeit und die Fragen, die eine Demokratie stellen muss, wenn sie sich selbst treu bleiben will.
Diese Aufzeichnung versammelt die Texte des Blogs in thematischen Kapiteln.
Es geht um den Aufstieg der AfD und die Fragilität der Demokratie, um Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit, um Europa und seine Grenzen, um den Hamburger Kiez St. Pauli – und um die Erinnerungen eines Mannes, der dort aufgewachsen ist, als die Welt noch ganz anders aussah.
Die Texte sind persönliche Meinungen, die man nicht unbedingt teilen muss.
Kapitel 1 - Demokratie unter Druck
* Warum wird die AfD gewählt?
Warum Deutsche wieder rechts wählen – und was das mit uns allen macht.
Deutschland hat während der Weimarer Republik (1918–1933) erlebt, wohin Hass, Nationalismus und Führerkult führen. Und doch gewinnt die AfD Stimmen, obwohl ihre verantwortlichen Politikerinnen und Politiker immer offener rassistische, autoritäre und antidemokratische Positionen vertreten – real und in allen analogen wie digitalen Medien. Wie kann das sein – in einem Land, das sich »Nie wieder Nazis« auf die Fahnen geschrieben hat?
* Geschichtsvergessenheit
Die politische Publizistin Hannah Arendt wusste als Verfolgte des NS-Regimes, dass das größte Risiko nach einer Diktatur nicht nur in ihrer Wiederkehr liegt, sondern im schleichenden Verlust der Erinnerung an sie. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand geht für viele Menschen der existenzielle Bezug zu Diktatur, Krieg und Vernichtung verloren. Wo Geschichte nicht mehr als Warnung verstanden wird, sondern lediglich als Pflichtstoff, verblasst auch das Bewusstsein dafür, wie zerbrechlich Demokratie tatsächlich ist.
* Demokratieschwäche
Wenn demokratische Parteien ihre Versprechen nicht halten, entsteht Misstrauen. Soziale Ungleichheit, abgehobene Politik, gebrochene Versprechen – all das schafft den Nährboden für Populisten. Die AfD ist kein Fremdkörper in unserer Gesellschaft, sie ist ein Symptom unserer Versäumnisse.
Die Demokratie stirbt nicht an einem Putsch, sondern an Gleichgültigkeit. Die größte Gefahr für die Demokratie ist nicht der Hass ihrer Feinde, sondern die Gleichgültigkeit ihrer Freunde.
* Wut, Angst, Enttäuschung
Viele AfD-Wählerinnen und -Wähler fühlen sich abgehängt oder ignoriert. Steigende Preise, Zukunftsängste, soziale Ungerechtigkeit – all das schafft Frust. Die AfD bietet dafür einfache Antworten und klare Feindbilder: „die Ausländer, die Grünen, die EU, die Eliten«. Das ist keine Politik, sondern emotionale Entlastung. Wer Angst hat, will einfache Schuldige – nicht komplexe Lösungen.
*Desinformation und digitale Echokammern
Über Telegram, YouTube, TikTok, WhatsApp oder X verbreiten AfD-nahe Akteure gezielt Falschinformationen. Sie schaffen alternative Realitäten, in denen demokratische Institutionen als »korrupt« oder »gesteuert« dargestellt werden. Die Desinformation ersetzt Diskussion – und Empörung ersetzt Erkenntnis.
*Autoritäre Sehnsucht
Manche sehnen sich nach »Ordnung und Führung«. In Krisenzeiten wächst der Wunsch nach klaren Ansagen – auch wenn sie von oben kommen. Demokratie wirkt dagegen anstrengend, laut, widersprüchlich. Aber genau das ist ihre Stärke: Widerspruch statt Unterwerfung. Wer »endlich wieder Durchgreifen« will, öffnet der Willkür die Tür. Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. – Theodor W. Adorno
Fazit: Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich.
Die AfD wird nicht gewählt, weil die Menschen Hitler vergessen hätten, sondern weil sie nicht erkennen, dass dieselben Denkweisen – Ausgrenzung, Autoritarismus, Verachtung der offenen Gesellschaft – in neuer Sprache zurückkehren. Wenn Erinnerung nicht wachhält, sondern bloß Geschichte wird, verkommt die Erkenntnis »Nie wieder Nazis« zur Floskel.
* Die AfD – stärkste Kraft? Aktuelle Umfragen und ihre Bedeutung
Die AfD legte in einer Forsa-Umfrage vom 28. April 2026 einen Prozentpunkt gegenüber der Vorwoche zu und liegt aktuell bei 27 Prozent, während die Union zwei Punkte verlor und auf 22 Prozent fiel. Die SPD verharrt bei 12 Prozent, gleichauf mit der Linken. Die Grünen liegen bei 15 Prozent, die FDP bei vier Prozent – unter der Sperrklausel.
Klar ist: CDU und SPD haben an Vertrauen verloren. Ob das an programmatischen Differenzen, an Kommunikation oder an konkreten politischen Entscheidungen liegt, darüber streiten Experten. Einig sind sie sich darin, dass die etablierten Parteien Antworten finden müssen – auf wirtschaftliche Sorgen, auf Migrationsfragen, auf das Gefühl vieler Bürgerinnen und Bürger, nicht gehört zu werden.
Es bleibt nur zu hoffen, dass den Wählerinnen und Wählern der AfD bewusst ist: Sie schaden mit ihrer Wahl nicht nur der Demokratie und dem Sozialstaat Deutschland, sondern häufig auch sich selbst. Die Frage bleibt, ob die Volksparteien CDU und SPD noch die Kurve kriegen, bevor aus Umfragewerten Wahlergebnisse werden.
* Die Koalition von CDU/CSU und SPD – ein Walzer ohne Leidenschaft
Die Ehe von SPD und CDU/CSU war nie eine aus Überzeugung – weder romantisch verklärt noch strategisch elegant eingefädelt. Sie war das Ergebnis politischer Notwendigkeit. Eine Zweckgemeinschaft in Zeiten wachsender Unsicherheit. Um Angela Merkel zu zitieren: »Alternativlos«. Doch genau dieses Wort ist gefährlich. Denn es suggeriert, dass es keine Wahl mehr gibt – und wo Demokratie aufhört, Wahlmöglichkeiten zu bieten, beginnt ihr Problem.
Die Metapher des Tanzes beschreibt das treffend: kein leidenschaftlicher, unberechenbarer Tango, bei dem jeder Schritt zum Machtkampf wird. Sondern ein langsamer, manchmal schwerfälliger Walzer. Einer, der Disziplin erfordert, Abstimmung – und die Bereitschaft, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten.
Eine Regierung muss nicht geliebt werden, aber sie muss funktionieren, um Vertrauen zu erhalten. Und Vertrauen ist in Zeiten politischer Polarisierung die vielleicht knappste Ressource überhaupt.
Kapitel 2 - Wirtschaft, Soziales und Gerechtigkeit
* Milliardäre – Reichtum verpflichtet, oder doch nicht?
Viele Menschen spüren es längst: Irgendetwas läuft schief. Die Preise steigen, der Staat ächzt unter Überlastung, und für viele wird das Leben spürbar teurer. Gleichzeitig wächst der Reichtum an der Spitze weiter – und zwar rasant. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt gerade einmal ein Prozent des Vermögens. Dagegen steht: Ein Prozent der reichsten Deutschen besitzt rund 28 Prozent. In Deutschland gibt es immer mehr Milliardäre – die 500 reichsten besitzen zusammen über eine Billion Euro.
* Das ist kein Ausreißer – das ist ein System
Studien zeigen: Ein typischer Millionär zahlt effektiv rund 24 Prozent Abgaben. Eine durchschnittliche Arbeitnehmerfamilie kommt auf etwa 43 Prozent. Das Ergebnis ist absehbar: Vermögen wächst oben schneller – und die Schere geht weiter auf. Und nein, das ist kein Naturgesetz. Das ist politisch gemacht.
* Die einfache Idee: Mindeststeuer für Superreiche
Eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro. Warum Vermögen statt Einkommen? Weil Einkommen leicht verschoben, versteckt oder minimiert werden kann. Vermögen dagegen ist deutlich schwerer zu verschleiern.
Wer bereits genug Steuern zahlt, bleibt unberührt
Wer darunter liegt, zahlt die Differenz
Betroffen sind nur extrem Vermögende
Extremer Reichtum entsteht nie im luftleeren Raum. Er basiert auf Infrastruktur, Bildung, Stabilität – also auf Leistungen der Gesellschaft. Wer davon am meisten profitiert, kann sich nicht einfach aus der Verantwortung verabschieden.
Soll ein Milliardär – prozentual – wirklich weniger zum Gemeinwesen beitragen als eine Pflegekraft?
* Gesundheitsreform – Krank sparen, bis es wehtut
Diese sogenannte Gesundheitsreform ist ein sozialpolitischer Rückschritt. Während Milliardenlöcher in den Krankenkassen klaffen, entscheidet sich die Politik nicht für eine sozial gerechte und effektive Lösung, sondern für die bequemste: Die Rechnung zahlen die gesetzlich Versicherten.
Seit Jahren läuft es nach dem gleichen Muster:
Pharmaunternehmen steigern ihre Gewinne
Privatversicherungen werben die lukrativen Kunden ab
Die gesetzlich Versicherten zahlen mehr und bekommen weniger
*Die Familienversicherung im Visier
Besonders eklatant ist die Diskussion um die Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Das ist nicht irgendein Detail – das ist ein Grundpfeiler des Sozialstaates. Wer hier kürzt, stellt das Solidarprinzip grundsätzlich infrage.
* Ein echter Reformwille würde hier ansetzen
Zusammenführung von gesetzlicher und privater Versicherung.
Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze
Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus Steuergeldern.
Einbeziehung von Einnahmen aus der Rentenbesteuerung
Doch genau das passiert nicht. Warum? Weil es unbequem wäre und mächtige Lobbyinteressen berührt. Also bleibt alles, wie es ist – nur wird es teurer für die Mehrheit der gesetzlich Versicherten.
* Zu viele Operationen? Das Gesundheitssystem unter der Lupe
Wird in Deutschland zu viel operiert? Zumindest legen das internationale Vergleiche nahe: Bei vielen Eingriffen liegt Deutschland seit Jahren an der Spitze. Ist das ein Zeichen besonders guter Versorgung – oder eher ein Hinweis darauf, dass zu schnell zum Skalpell gegriffen wird?
Die Politik will nun gegensteuern: Eine verpflichtende Zweitmeinung vor bestimmten Operationen soll helfen, unnötige Eingriffe zu vermeiden. Doch so einfach ist es nicht. Eine Zweitmeinung führe nicht zwangsläufig dazu, dass Operationen vermieden werden – häufig würden sie lediglich verschoben, bis konservative Therapien ausgeschöpft sind.
Die Antwort liegt im System: Krankenhäuser werden über Fallpauschalen finanziert – das heißt, bestimmte Eingriffe bringen klar kalkulierbare Einnahmen. Konservative Behandlungen hingegen sind oft weniger lukrativ und aufwendiger in der Betreuung.
Weniger Operationen sind nicht automatisch bessere Medizin. Aber jede überflüssige Operation ist eine zu viel.
* Deutschland schwächelt – und was das bedeutet
Krisen galten einmal als Ausnahme. Heute sind sie Alltag: Rente wackelt, Mieten explodieren, Brücken bröckeln, Arzttermine werden zur Geduldsprobe, Schulen kämpfen am Limit, Kita-Plätze sind Glückssache. Der Arbeitsmarkt ist gleichzeitig überfordert und unterversorgt. Das eigentliche Problem ist längst nicht mehr die einzelne Krise. Es ist ihre Dauerhaftigkeit.
Wenn Krisen zum Normalzustand werden, verändert sich die Wahrnehmung der Menschen. Politik erscheint nicht mehr als gestaltende Kraft, sondern als Getriebene. In dieses Vakuum stößt die AfD – und macht dabei etwas, das auf den ersten Blick wie schonungslose Ehrlichkeit wirkt: Sie benennt Missstände.
Am Ende entscheidet nicht die Existenz von Wirtschaftskrisen über das Vertrauen in den Staat. Sondern die Frage, ob Menschen das Gefühl haben, dass jemand sie ernsthaft löst.
Kapitel 3 - Europa, die Welt und ihre Widersprüche
* Die EU und das Einstimmigkeitsproblem
Es gibt nur eine Möglichkeit, die Europäische Union vor Abweichlern wie Orbán (Ungarn) und Radew (Bulgarien) zu bewahren. So demokratisch die einheitlichen Beschlüsse bei EU-Abstimmungen auch gedacht waren: In Zeiten, in denen sich in vielen Ländern der EU politische – speziell rechtsorientierte – Blöcke bilden, sind sie nicht mehr als demokratische Grundlage zu rechtfertigen.
Wenn ein einzelner Staat Beschlüsse blockieren kann, die 26 andere befürworten, ist das demokratisch schwer zu rechtfertigen. Besonders, wenn dieser Staat gleichzeitig massiv von der EU profitiert. Das Einstimmigkeitsprinzip war ursprünglich ein Schutz für kleine Staaten, wird aber zunehmend als Waffe eingesetzt.
* Was dagegen spricht – ein demokratisches Dilemma
Hier liegt ein klassisches demokratisches Dilemma. Wenn Mehrheitsbeschlüsse bindend werden, stellt sich sofort die Frage: Wessen Mehrheit legitimiert was? Die EU ist kein Bundesstaat. Ungarn oder Bulgarien haben nie einer Verfassung zugestimmt, die sie einer europäischen Mehrheitsentscheidung in allen Bereichen unterwirft. Was der bestehende Vertrag ermöglicht.
Vertragsverletzungsverfahren (Artikel 258) mit EuGH-Klagen.
Rechtsstaatsverordnung seit 2021 – EU-Mittel können eingefroren werden.
EuGH-Urteile mit finanziellen Zwangsgeldern bei Nichtbefolgung.
Die EU sitzt damit in einer Art Falle: Die Werkzeuge, die man bräuchte, kann man nur mit Zustimmung derer einführen, gegen die man sie braucht.
* Solidarität mit Werten – nicht mit Machtpolitik
Wenn heute im Umfeld von Donald Trump Ideen auftauchen, die an die Selbstverherrlichung alter Herrscher erinnern, dann ist das kein Zufall – sondern ein gefährliches Selbstverständnis. Europa steht vor einer entscheidenden Frage: Gilt unsere Loyalität einem Staat und seinen Prinzipien – oder einem sprunghaften Präsidenten?
Wer heute reflexhaft zum Schulterschluss aufruft, ignoriert, dass sich die Spielregeln verändert haben. Ein Bündnis setzt Verlässlichkeit voraus. Doch wo politische Entscheidungen von kurzfristigen Interessen, persönlicher Inszenierung und ökonomischem Kalkül geprägt sind, wird aus Partnerschaft schnell Abhängigkeit.
Es geht nicht um Anti-Amerikanismus. Es geht um die Verteidigung dessen, was den Westen überhaupt erst ausmacht. Die entscheidende Frage lautet: Wie loyal ist Europa gegenüber seinen eigenen Werten?
Trump und Triumphbögen für Lebende – der alte Traum vom unsterblichen Herrscher.
Triumphbögen sind keine harmlosen Bauwerke. Sie sind Machtsymbole. Schon im alten Rom wurden sie errichtet, um Feldherren und Kaiser zu verherrlichen – als steingewordene Botschaft: Seht her, ich bin größer als ihr. Auch Napoleon Bonaparte ließ mit dem Arc de Triomphe ein Monument errichten, das seinen eigenen Ruhm über Generationen hinweg festschreiben sollte.
Demokratische Gesellschaften haben bewusst einen anderen Weg gewählt. Die Denkmäler auf der National Mall in Washington D.C. – etwa für Abraham Lincoln – sind keine Produkte persönlicher Eitelkeit. Sie wurden nicht errichtet, um Macht zu feiern, sondern um Geschichte zu bewerten. Und vor allem: Sie entstanden erst, als diese Bewertung möglich war – nach dem Handeln, nach der Amtszeit, nach dem Leben.
Die eigentliche Frage ist, ob wir beginnen, zu akzeptieren, dass politische Macht sich wieder selbst Denkmäler setzen darf. Wenn das geschieht, ist ein Triumphbogen nur noch das kleinste Problem.
Kapitel 4 - Energie, Umwelt und die Zukunft
* Atomkraft – die Rückkehr einer alten Idee
Trotz der Tschernobyl-Katastrophe vom 26. April 1986 erlebt Atomkraft aktuell ein Comeback in Talkshows und politischen Debatten. Vertreter aus der Union wie Jens Spahn und Markus Söder werben für eine Neubewertung. Die zentrale These der Befürworter lautet: Atomkraft sei eine klimafreundliche, sichere und wirtschaftliche Ergänzung zur Energiewende.
Allerdings wird mit keinem Wort erwähnt, dass die Abhängigkeit von Uran-Lieferungen die deutsche Energieversorgung nicht sicherer macht. Neue Atomkraftwerke sind keine schnellen Lösungen, sondern Großprojekte mit hohen Sicherheits- und finanziellen Risiken. Das zeigen die AKW in Hinkley Point C (Kosten fast verdoppelt) und Flamanville 3 (Bauzeit über ein Jahrzehnt länger als geplant).
Klimafreundlich – aber nicht klimaneutral
Atomkraft verursacht im Betrieb kaum CO₂. Doch zur ganzen Wahrheit gehört:
Energieintensiver Uranabbau
Materialaufwendiger Bau und aufwendiger Rückbau
Unsichere und ungelöste Endlagerung von Atommüll
Rückbaukosten in Milliardenhöhe.
Das ungelöste Erbe
Atomkraft produziert Strom für Jahrzehnte – und Probleme für Jahrtausende.
Die Schachtanlage Asse II zeigt, wie teuer und komplex Fehlentscheidungen werden können. Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sind bis heute messbar: belastete Böden, kontaminierte Wildtiere, radioaktive Rückstände in bestimmten Pilzen. Nukleare Risiken verschwinden nicht – sie verblassen nur aus der Wahrnehmung.
Die Debatte über Atomkraft ist weniger eine Frage fehlender Informationen – sondern eine Frage politischer Prioritäten. Die Technik ist bekannt. Die Probleme auch. Neu ist vor allem, wie hartnäckig bestimmte politische Kreise diese Fakten ignorieren.
Hamburg sendet ein klares Signal – Demo für die Energiewende
Tausende Menschen gingen am 18. April 2026 auf die Straße – und lagen damit weit über den Erwartungen der Organisatoren. Ihre Forderung: Der Ausbau erneuerbarer Energien muss endlich Fahrt aufnehmen. Hinter der Demonstration stand ein breites gesellschaftliches Bündnis: Fridays for Future, WWF, BUND, Greenpeace, Amnesty International und der ADFC zogen gemeinsam auf die Straße – eine seltene Allianz.
Die Kernbotschaft war unmissverständlich: Erneuerbare Energien müssen schneller ausgebaut werden, und Strom darf kein Luxusgut bleiben. Der zentrale Vorwurf lautet: Politische Entscheidungen orientieren sich zu stark an den finanziellen Interessen der Energieunternehmen – und viel zu wenig an den Bedürfnissen der Bevölkerung.
wirtschaftlichKapitel 5 - St. Pauli – Ort, Kiez und Erinnerung
St. Pauli – eine kurze Kiezgeschichte
Der »Kiez«: Ein Begriff wird zur Marke
Der Begriff Kiez stammt ursprünglich aus dem slawischen Raum und bezeichnete einfache Dienstsiedlungen. In Hamburg aber bekam das Wort eine neue Bedeutung: Heute steht es fast ausschließlich für das Rotlicht- und Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn. Dabei begann alles überraschend unspektakulär: Im 13. Jahrhundert stand hier ein Kloster.
St. Pauli war nie ein gewöhnliches Viertel. Es war von Anfang an ein Ort derer, die draußen bleiben mussten – und genau daraus entstand seine besondere Freiheit. Vor den Toren der reichen Kaufmannsstadt Hamburg lebten hier jene, die sich das Leben innerhalb der schützenden Mauern nicht leisten konnten – oder nicht durften. Gastwirte, Schausteller, Prostituierte, Handwerker: Berufe, die man brauchte, aber nicht sehen wollte.
Die Reeperbahn: Arbeit, die zur Bühne wird
Ende der 1620er Jahre verlagerten sich die Werkstätten der Seil- und Reepschläger hierher. Die lange, gerade Bahn, auf der Taue gefertigt wurden, gab der Reeperbahn ihren Namen. Was als Handwerk begann, wurde später zur Bühne für Theater, Zirkusse, Tanzlokale und Bordelle. In den 1950er und 60er Jahren wurde die Reeperbahn und die Große Freiheit wieder zur Bühne der Welt. Hier spielten im Starclub und Top Ten junge Bands wie The Beatles, The Searchers, Gerry and the Pacemakers – lange bevor sie weltberühmt wurden.
Zerstörung, Wiederaufbau und das vergessene Chinatown
1814 ließ die französische Besatzungsmacht unter Napoleon Bonaparte große Teile des Viertels niederbrennen – aus militärischen Gründen. St. Pauli wurde neu aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg hinterließ der Krieg riesige Zerstörungen und tiefe Wunden. Ein fast vergessenes Kapitel ist das kleine Chinatown St. Paulis, dessen Bewohner von der Gestapo verfolgt und zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. St. Pauli war nie nur bunt. Es war immer auch brutal.
St. Pauli heute – Gentrifizierung und Widerspruch
Bis in die 1970er-Jahre hinein galt St. Pauli als armes, aber solidarisches Arbeiterviertel. Über 30 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner wählen »Die Linke«, während die AfD mit unter fünf Prozent politisch kaum Fuß fasst. Ökonomisch jedoch ist St. Pauli kaum wiederzuerkennen. Seit Jahren steigen die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier rasant. Investoren entdecken den »Kiez«, während Sozialbindungen auslaufen und Wohnraum zur Ware wird.
St. Pauli bleibt Amüsierviertel und Marke – doch die Menschen, die seinen Ruf und seine Solidarität über Jahrzehnte geprägt haben, können es sich immer seltener leisten, hier zu leben.
Aufgewachsen auf St. Pauli – Erinnerungen aus einer anderen Zeit
Geboren 1943 als St. Paulianer. Zur Schule, von 1950 bis 1959, in der Seilerstraße 43. Gewohnt – bis 1972 – in der Hein-Hoyer-Straße, die genau gegenüber der Davidswache in die Reeperbahn mündet. Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt waren nicht nur schöne Begriffe, sondern Grundvoraussetzung für den St.-Pauli-Alltag.
Es war laut, eng, manchmal rau. Aber es gab etwas, das heute oft fehlt: echten Zusammenhalt. Kein Heldentum. Kein großes Drama. Nur Einfallsreichtum – und Vertrauen untereinander. Wer allein war, hatte es schwer. Wer Teil einer Clique war, hatte alles: Freunde, Rückhalt, Abenteuer und eine Freiheit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Unsere Welt war St. Pauli.
Bolzplätze zum Fußballspielen, Hinterhöfe, Straßen St. Paulis und der Hamburger Hafen waren unsere Abenteuerspielplätze. Besondere Höhepunkte waren die Ausflüge in den Freihafen. Dort liefen die großen Schiffe ein, beladen mit Waren aus aller Welt – für uns hauptsächlich interessant: Südfrüchte wie Bananen, Apfelsinen und Zitronen.
Die Kunst des Schmuggels – mit Köpfchen durch den Zoll
Die Schauerleute kannten uns Jungs. Und sie hatten ein Herz für uns. Während sie die Ladung von den Schiffen in die Schuppen brachten, ging immer einmal eine Steige gezielt und bewusst kaputt oder eine Bananenstaude zerbrach. Kleine Gesten, die für uns große Bedeutung hatten, da Südfrüchte in den 1950er Jahren ein wertvolles Gut waren.
Das eigentliche Problem kam danach: Wie bekommt man die »Beute« durch die Zollkontrolle? Der Freihafen war komplett gesichert und abgesperrt – Zäune, oben mit Stacheldraht versehen. Also benötigten wir eine Lösung, ohne Zollgebühren bezahlen zu müssen. Die fanden wir – wie so oft – gemeinsam.
Wir waren meist zu dritt unterwegs. Einer von uns fuhr mit leeren Satteltaschen durch die Zollkontrolle und wartete draußen an einer vorher ausgesuchten Stelle. Der Rest blieb mit den Früchten noch im Freihafen und beförderte die Bananen und Apfelsinen über den Absperrzaun. Anschließend fuhren wir ganz normal zurück – unschuldig wie immer, da wir nichts zu verzollen hatten. Außerhalb des Freihafens wurde verteilt, was wir zuvor gemeinsam »gerettet« hatten.
Das Credo dazu ist einfach – alles zu seiner Zeit. Aber eines bleibt: Die Erinnerungen an Freundschaft, Zusammenhalt und diese unbeschwerte große Freiheit – die kann einem keiner mehr nehmen.
Kapitel 6 - Gesellschaft, Sport und Zivilgesellschaft
* Fußball und der VAR – Ein Beweis ohne Konsens
Der VAR hat das Transparenzproblem des Foulspiels im Fußball nicht gelöst, sondern nur sichtbar gemacht. Vorher war die Widersprüchlichkeit lokal und flüchtig. Jetzt ist sie durch den VAR dokumentiert, wiederholbar und vergleichbar – und trotzdem nicht vereinheitlicht.
* Das eigentliche Paradox: Der VAR wurde als Objektivierungsinstrument eingeführt. Aber er objektiviert nur das Bild, nicht die Dynamik des Momentums. Dieselbe Zeitlupe wird in Lissabon anders gelesen als in Manchester, Turin und Hamburg – weil der zugrunde liegende Standard eben nicht vereinheitlicht ist. Man hat also Präzision ohne Konsens. Das ist fast schlimmer als die alte Unschärfe, weil es den Anschein von Objektivität erzeugt, den es nicht einlösen kann.
Die FIFA hat strukturell kein Interesse an Regelklarheit. Ein präzises Regelwerk würde bedeuten: überprüfbare Fehler, dokumentierbare Inkonsistenz, rechtliche Angreifbarkeit. Mehrdeutigkeit hingegen erlaubt die Formulierung: »Das liegt im Ermessen des Schiedsrichters!«
Der VAR hat das Problem nicht gelöst – er hat es entlarvt. Nicht die Entscheidungen haben sich verändert. Nur ihre Sichtbarkeit. Und damit hat er aus Widersprüchlichkeit etwas Schlimmeres gemacht: Einen Beweis!
Olympia in Deutschland – Chancen und Risiken
Olympische Spiele in Deutschland hätten spürbare Auswirkungen auf die Bevölkerung – sowohl positive als auch negative. Großprojekte wie neue Verkehrswege, Bahnhöfe oder Sportstätten werden beschleunigt umgesetzt. Nach den Olympischen Sommerspielen 1972 in München entstand unter anderem der Olympiapark, der bis heute genutzt wird.
Vorteile
Infrastruktur und Modernisierung – Nahverkehr, Sportstätten, Wohnraum
Wirtschaftliche Impulse – Arbeitsplätze, Tourismus, internationale Aufmerksamkeit
Image als weltoffenes, modernes Land
Förderung des Sports und Gemeinschaftsgefühl
Nachteile
Hohe Kosten – Milliarden, die letztlich die Steuerzahler tragen
Verdrängung und steigende Mieten
Umweltbelastung durch Bau und internationale Reisen
»Weiße Elefanten« – Sportstätten, die nach den Spielen kaum genutzt werden
Olympische Spiele können ein enormer Gewinn für Hamburg sein – wenn sie nachhaltig und sozialverträglich geplant werden.
NGOs – Zivilgesellschaft unter Beschuss
Wenn der Hamburger Bundestagsabgeordnete der CDU, Christoph Ploß, NGOs pauschal der politischen Linken zuordnet und die Verwendung von Steuergeldern für deren soziale Arbeit und demokratische Aufklärungsprojekte kritisiert, wirkt es wie der Versuch, unsere Demokratie zu delegitimieren.
Anstatt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den von den Nichtregierungsorganisationen aufgezeigten sozialen Missständen zu suchen, wird der Fokus auf die mutmaßliche politische Orientierung verlagert. In einer Demokratie ist die kritische Begleitung staatlichen Handelns kein Luxus, sondern ein notwendiges Gegengewicht.
Mit dieser Haltung spielt Herr Ploß letztlich der AfD in die Hände. Denn wer zivilgesellschaftliche Organisationen diskreditiert, schwächt das Vertrauen in demokratische Kontrollmechanismen und fördert eine Rhetorik, die Zweifel an der Legitimität kritischer Stimmen sät.
Nachwort
Die Texte in diesem Buch entstammen einem Blog. Das bedeutet: Sie sind im Moment geschrieben worden – als Reaktion auf Ereignisse, Umfragen, Debatten. Sie tragen die Handschrift eines Menschen, der viel erlebt hat und der aufmerksam beobachtet, was um ihn herum geschieht.
Was sie verbindet, ist die Überzeugung, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Dass sie verteidigt werden muss – nicht mit Waffen, sondern mit Worten, mit Wachsamkeit, mit dem Mut, unbequeme Dinge auszusprechen. Und mit der Erinnerung daran, wohin es führt, wenn man diese Wachsamkeit aufgibt.
»Quasselstrippe« ist ein Ort, an dem geredet wird. Möge dieses Buch ein weiterer Anlass sein, das Gespräch fortzuführen.
Nicht nur meine Gedanken – aber immer meine Überzeugungen.
quasselstrippen.blogger.de | Mai 2026
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Alles zu seiner Zeit - Erinnerungen aus dem alten St. Pauli
Geboren 1943 - *auf St. Pauli. Zur Schule gegangen - von 1950 bis 1959, in der „Volksschule“ Seilerstraße 43.
Gelebt bis 1972 - in der Hein-Hoyer-Straße, die direkt gegenüber der Davidswache in die Reeperbahn mündet.
Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt waren für Paulianer nicht nur schöne Begriffe, sondern Grundvoraussetzung für den St.‑Pauli-Alltag. Es war laut, eng aber frei, manchmal rau. Aber es gab etwas, das heute oft fehlt: Echten Zusammenhalt. Kein Heldentum, kein großes Drama. Nur Einfallsreichtum und Vertrauen untereinander. Und genau da liegt vielleicht der Unterschied zu heute.
Wir mussten und konnten uns schon im Jugendalter aufeinander verlassen - gleich welcher Nationalität oder Hautfarbe. Ein Freund war ein Freund.
Wer allein war, hatte es schwer. Wer Teil einer Clique war, hatte alles: Freunde, Rückhalt, Abenteuer und eine Freiheit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Unsere Welt war unser Umfeld. Bolzplätze zum Fußballspielen, die Straßen und Hinterhöfe St. Paulis als Treffpunkte für gemeinsame Aktivitäten. Der Hamburger Hafen war aber der spannendste Abenteuerspielplatz. Zu Fuß, per Roller oder Fahrrad wurde er erkundet.
Besondere Höhepunkte waren die Ausflüge in den Freihafen. Dort liefen die großen Schiffe ein, beladen mit Waren aus aller Welt – für uns hauptsächlich interessant: Südfrüchte wie Bananen, Apfelsinen und Zitronen. Bananenstauden wurden von den am Kai liegenden Schiffen palettenweise per Kran auf E-Karren abgelegt und in die dafür vorgesehenen Schuppen (42 und 43) transportiert und zwischengelagert. Die Bananenstauden waren noch alle grün und unreif. Sie wurden zum Reifen - separat - im bekannten Bananenschuppen 42 gelagert.
Viele Schauerleute kannten uns Jungs. Und sie hatten ein Herz für uns. Während sie die Ladung von den Schiffen in die Schuppen transportieren, ging immer einmal eine Steige (gezielt und bewusst) kaputt oder eine Bananenstaude zerbrach. Dadurch fielen immer ein paar Apfelsinen oder Bananen für uns ab.
Kleine Gesten, die für uns große Bedeutung hatten, da Südfrüchte – in den 1950er Jahren – ein wertvolles Gut waren.
* Paulianer sagen „auf St.Pauli“
Das eigentliche Problem kam danach
Wie bekommt man die „Beute“ durch die Zollkontrolle? Der Freihafen war komplett gesichert und abgesperrt – Zäune, oben mit Stacheldraht versehen. Unser Ein- und Ausgang war die Kontrollstelle am Baumwall.
Per Fahrrad oder zu Fuß einfach durch die Kontrollstelle – mit vollen Taschen? Unmöglich. Also benötigten wir eine Lösung, ohne dass wir Zollgebühren bezahlen mussten oder das unsere Beute vom Zoll beschlagnahmt wurde. Diese Lösung fanden wir – wie so oft – gemeinsam.
Wir waren meist zu dritt oder viert unterwegs. Einer oder zwei von uns fuhren mit leeren Satteltaschen oder Rucksack durch die Zollkontrolle.
Sie warteten dann draußen – außerhalb des Freihafens am Zaun – an einer vorher ausgesuchten Stelle, die von den Zöllnern nicht eingesehen werden konnte.
Der Rest von uns blieb mit den Früchten noch im Freihafen, um uns dann auf der Freihafenseite an der ausgewählten Stelle am Zaun zu treffen. Dort angekommen beförderten wir die Bananen und Apfelsinen – per Wurf – über den Absperrzaun in die Freiheit.
Unsere Kumpel fingen dann auf der anderen Seite des Zauns alles auf. Hatten wir unsere Arbeit erledigt, fuhren wir ganz normal zurück und durch die Kontrolle – raus aus dem Freihafen. Unschuldig wie immer, da wir nichts zu verzollen hatten.
Außerhalb des Freihafens trafen wir uns und es wurde verteilt, was wir zuvor gemeinsam „gerettet“ hatten.
Das war unsere Art, mit Grenzen umzugehen. Für uns war diese Freiheit der Normalfall. Wir haben nicht darüber nachgedacht, ob sie besonders ist – sie war einfach da. So wie heute für viele Menschen die Freiheit selbstverständlich ist, sich über soziale Medien zu bewegen, sich auszutauschen und zu vernetzen.
Jede Generation hat ihre eigene Form von Freiheit. Unsere war draußen, direkt, greifbar. Man konnte sie sehen, hören, riechen. Sie hatte Ecken und Kanten – und manchmal auch ein bisschen Risiko. Heute ist vieles digitaler, schneller, globaler. Anders eben.
Fazit
Das Credo dazu ist einfach - alles zu seiner Zeit. Aber eines bleibt für unsere Zeit: Die Erinnerungen an Freundschaft, Zusammenhalt und diese unbeschwerte „Große“ Freiheit – die kann einem keiner mehr nehmen.
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war nie eine aus Überzeugung - weder romantisch verklärt noch strategisch elegant eingefädelt. Sie war das Ergebnis politischer Notwendigkeit. Eine Zweckgemeinschaft in Zeiten wachsender Unsicherheit. Um Angela Merkel zu zitieren: „Alternativlos“.
Doch genau dieses Wort ist gefährlich. Denn es suggeriert, dass es keine Wahl mehr gibt - und wo Demokratie aufhört Wahlmöglichkeiten zu bieten, beginnt ihr Problem.
Gleichzeitig verschiebt sich das politische Kräfteverhältnis. Die Alternative für Deutschland (AfD) profitiert von Krisenstimmung, Vertrauensverlust und politischen Differenzen.
Ihr Aufstieg zur stärksten Partei ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Uneinigkeit der demokratischen Parteien. Die AfD nutzt diese Stimmung aktiv aus. Soziale Unsicherheit, Migration, Entfremdung wird für die eigenen Interessen instrumentalisiert.
Schwer nachvollziehbar ist allerdings, das viele Wähler*innen, mit der AfD eine Partei wählen, deren Politik, ihren eigenen Interessen entgegenwirken.
Vor diesem Hintergrund bekommt die aktuelle Regierungskoalition aus den Unionsparteien - mit Bundeskanzler Merz (CDU) und der SPD eine Bedeutung, die weit über ihre inhaltlichen Projekte hinausgeht. Das Scheitern der Koalition wäre nicht einfach ein Regierungswechsel – es wäre ein Signal der Instabilität in einem Moment, in dem Stabilität dringend benötigt wird. Das bedeutet nicht, dass diese Koalition ohne Widersprüche funktioniert.
Im Gegenteil: Reibung, Misstrauen und unterschiedliche politische Kulturen prägen den Alltag. Aber genau darin liegt die eigentliche Herausforderung demokratischer Politik – nicht im perfekten Gleichklang, sondern im Aushalten und Lösen von Differenzen.
Die Metapher des Tanzes beschreibt die Situation treffend: Statt eines leidenschaftlichen, unberechenbaren Tangos, bei dem jeder Schritt zum Machtkampf wird, wäre zurzeit ein langsamer, manchmal schwerfälliger Walzer der richtige Tanz. Einer, der Disziplin erfordert, Abstimmung und die Bereitschaft, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten.
Denn am Ende geht es nicht um Harmonie. Es geht um Verantwortung, die nur von der Demokratie wahrgenommen werden kann.
Fazit
Eine Regierung muss nicht geliebt werden, aber sie muss funktionieren, um Vertrauen zu erhalten.
Und Vertrauen ist in Zeiten politischer Polarisierung die vielleicht knappste Ressource überhaupt.
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Die Rückkehr einer alten Idee – und warum sie nicht trägt
Trotz der Tschernobyl-Katastrophe (am 26. April 1986), die Atomkraft erlebt aktuell ein Comeback in Talkshows und politischen Debatten. Vertreter aus der Union wie Jens Spahn und Markus Söder werben für eine Neubewertung.
Auf europäischer Ebene setzt Ursula von der Leyen auf Technologieoffenheit. Die zentrale These der Befürworter lautet: Atomkraft sei eine klimafreundliche, sichere und wirtschaftliche Ergänzung zur Energiewende.
Allerdings wird mit keinem Wort erwähnt, dass die Abhängigkeit von Uran-Lieferungen, die deutsche Energieversorgung nicht sicherer macht.
Und ein genauer Blick zeigt: Die positiven Aussagen zur Atomenergie halten der Realität nur bedingt stand: Diese zeigt: Hohe Kosten und riskante Abhängigkeit, durch Uran-Import.
Auch sind neue Atomkraftwerke (AKW) keine schnellen Lösungen, sondern Großprojekte mit hohen Sicherheits- und finanziellen Risiken. Das zeigen die AKW in:
* Hinkley Point C: (Bridgwater im Südwesten von England) Kosten fast verdoppelt
* Flamanville-3: (Frankreich am Ärmelkanal) Bauzeit über ein Jahrzehnt länger als geplant
Kurz gesagt: Atomkraft scheitert an Realität. Währenddessen sind Wind- und Solarenergie umweltfreundlicher und oft deutlich günstiger und wesentlich schneller verfügbar, als ein AKW.
Klimafreundlich – aber nicht klimaneutral
Atomkraft verursacht im Betrieb kaum CO₂. Doch zur ganzen Wahrheit gehört:
* energieintensiver Uranabbau
* materialaufwendiger Bau
* aufwendiger Rückbau
* unsichere Endlagerung von Atommüll
Das ungelöste Erbe
Die größten Probleme beginnen oft erst nach dem Abschalten:
* Rückbaukosten in Milliardenhöhe
* Endlagerung über Zeiträume, die jede politische Planung sprengen
Die Schachtanlage Asse II zeigt, wie teuer und komplex Fehlentscheidungen werden können.
Pointiert: Atomkraft produziert Strom für Jahrzehnte – und Probleme für Jahrtausende.
Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe,
sind bis heute messbar:
* belastete Böden
* kontaminierte Wildtiere
* radioaktive Rückstände in bestimmten Pilzen
Realität: Nukleare Risiken verschwinden nicht – sie verblassen nur aus der Wahrnehmung.
Wenn Hitze zum Problem wird
Atomkraftwerke brauchen Kühlung – und damit Wasser.
In Hitzesommern, wie zuletzt 2022, mussten Anlagen in Frankreich zeitweise gedrosselt werden, weil Wasser knapp wurde.
Warum die Idee trotzdem bleibt. Atomkraft ist nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine politische:
* sie steht für zentrale Kontrolle statt dezentraler Systeme
* sie wirkt als Gegenentwurf zur Energiewende
* sie verspricht Stabilität in unsicheren Zeiten
Kurz gesagt: Atomkraft ist auch ein politisches Symbol – nicht nur eine Energiequelle.
Die naheliegende Alternative
Erneuerbare Energien bieten heute:
* niedrigere Kosten
* kürzere Bauzeiten
* geringere systemische Risiken
Fazit
Atomkraft hat einen Vorteil: geringe direkte CO₂-Emissionen im Betrieb.
Dem stehen jedoch zentrale Nachteile gegenüber:
* hohe Kosten
* lange Bauzeiten
* ungelöste Endlagerfrage
* langfristige Risiken für Mensch und Natur
Die Debatte über Atomkraft ist deshalb weniger eine Frage fehlender Informationen – sondern eine Frage politischer Prioritäten. Oder anders gesagt:
Die Technik ist bekannt. Die Probleme auch. Neu ist vor allem, wie hartnäckig - bestimmte politische Kreise - diese Fakten ignorieren.
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Der „Kiez“: Ein Begriff wird zur Marke
Der Begriff Kiez stammt ursprünglich aus dem slawischen Raum und bezeichnete einfache Dienstsiedlungen. In Hamburg aber bekam das Wort eine neue Bedeutung: Heute steht es fast ausschließlich für das Rotlicht- und Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn.
Dabei begann alles überraschend unspektakulär: Im 13. Jahrhundert stand hier ein Kloster. Später nutzte man die freien Flächen zum Trocknen von Wäsche, bevor sich Handwerker und Fischer ansiedelten. Das benachbarte Altona – der Name wird oft als „allzu nah“ gedeutet – gehörte zeitweise zu Dänemark und bildete einen Gegenpol zur Hamburger Ordnung. St. Pauli lag genau dazwischen. Grenzgebiet – im örtlichen wie im gesellschaftlichen Sinne.
Freiheit, Geschäft und Verdrängung
St. Pauli war nie ein gewöhnliches Viertel. Es war von Anfang an ein Ort derer, die draußen bleiben mussten – und genau daraus entstand seine besondere Freiheit.
Vor den Toren der reichen Kaufmannsstadt Hamburg gelegen, lebten hier jene, die sich das Leben innerhalb der schützenden Mauern nicht leisten konnten – oder nicht durften. Gastwirte, Schausteller, Prostituierte, Handwerker: Berufe, die man brauchte, aber nicht sehen wollte. St. Pauli war nie Teil der „guten Stube“ – sondern immer ihr Hinterzimmer. Und genau das prägt den Stadtteil bis heute.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), schützte Hamburg sich mit massiven Wallanlagen. Doch Stadtteile wie der damalige:
Hamburger Berg – das heutige St. Pauli – blieben außen vor.
Hier siedelte sich an, was innerhalb der Stadt unerwünscht war:
* Amüsierbetriebe
* Kneipen
* Prostitution
* soziale Randexistenzen
Das war kein Zufall, sondern System. Die Stadt hielt sich sauber, indem sie das Ungewollte auslagerte – und gleichzeitig davon profitierte.
Denn mit dem Wachstum Hamburgs zog es immer mehr Menschen genau dorthin. Aus dem Rand wurde ein Zentrum eigener Art.
Die Reeperbahn: Arbeit, die zur Bühne wird
Ende der 1620er Jahre verlagerten sich die Werkstätten der Seil- und Reepschläger hierher. Die lange, gerade Bahn, auf der Taue gefertigt wurden, gab der Reeperbahn ihren Namen. Was als Handwerk begann, wurde später zur Bühne - für:
* Theater
* Zirkusse
* Tanzlokale
* Bordelle
Mit dem Aufstieg Hamburgs zum Welthafen – und später mit der Speicherstadt – wuchs auch der Bedarf nach Zerstreuung. Seeleute brachten Geld, Geschichten und Bedürfnisse mit.
St. Pauli lieferte die Antworten. Freiheit wurde hier nicht erfunden – sie wurde verkauft.
Zerstörung und Wiederaufbau
1814 ließ die französische Besatzungsmacht unter Napoleon Bonaparte große Teile des Viertels niederbrennen – aus militärischen Gründen, um freie Schussfelder zu schaffen.
St. Pauli wurde neu aufgebaut. Und es blieb, was es war: ein individueller Ort.
Der Zweite Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945),
hinterließ riesengroße Zerstörungen und tiefe Wunden. Ein fast vergessenes Kapitel ist das kleine Chinatown St. Paulis, dessen Bewohner von der Gestapo verfolgt und zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. St. Pauli war nie nur bunt. Es war immer auch brutal.
Glamour, Gewalt und Geschäft
In den 1950er und 60er Jahren wurde die Reeperbahn und die Große Freiheit wieder zur Bühne der Welt.
Hier spielten im Starclub und Top Ten junge Bands wie The Beatles, The Searchers, Gerry and the Pacemakers - lange bevor sie weltberühmt wurden.
Doch hinter der Fassade lief ein anderes Geschäft:
* Zuhälterbanden
* organisierte Kriminalität
* Machtkämpfe um Kontrolle und Geld
Figuren wie Wilfried Schulz prägten das Viertel ebenso wie später die „Nutella-Bande“. Luxus, Gewalt und Abhängigkeit lagen eng beieinander. Und mittendrin - Menschen.
Fazit
Bis in die 1970er-Jahre hinein galt St. Pauli als armes, aber solidarisches Arbeiterviertel. Hafenarbeit, prekäres Gewerbe und eine dichte Nachbarschaft prägten den Stadtteil – ebenso wie eine ausgeprägt linke politische Kultur. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Über 30 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner wählen „Die Linke“, während die AfD mit unter fünf Prozent politisch kaum Fuß fasst.
Ökonomisch jedoch ist St. Pauli kaum wiederzuerkennen. Seit Jahren steigen die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier rasant. Investoren entdecken den „Kiez“, während Sozialbindungen auslaufen und Wohnraum zur Ware wird.
St. Pauli bleibt Amüsierviertel und Marke – doch die Menschen, die seinen Ruf und seine Solidarität über Jahrzehnte geprägt haben, können es sich immer seltener leisten, hier zu leben.
Wie kaum ein anderer - steht dieser Stadtteil für Widerspruch.
Und doch ist St. Pauli heute ein anderes Viertel. Die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier steigen seit Jahren rasant, Investoren entdecken den Kiez als Marke, während Sozialwohnungen verschwinden und Nachbarschaften zerbrechen.
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Hamburg demonstriert für die Energiewende
Tausende Menschen gingen am Sonnabend (18. April 2026) auf die Straße – und lagen damit weit über den Erwartungen der Organisatoren. Ihre Forderung: Der Ausbau erneuerbarer Energien muss endlich Fahrt aufnehmen. Hamburg hat am vergangenen Sonnabend ein deutliches politisches Signal gesendet: Tausende Menschen zogen durch die Straßen der Hansestadt und forderten einen schnelleren Ausbau von erneuerbarer - Grüner Energie.
Die Beteiligung übertraf die Erwartungen der Veranstalter bei Weitem. Zeitgleich fanden ähnliche Kundgebungen in weiteren deutschen Städten statt. Hinter der Demonstration stand ein breites gesellschaftliches Bündnis. Fridays for Future, WWF, BUND, Greenpeace, Amnesty International und der ADFC zogen gemeinsam auf die Straße – eine seltene Allianz, die die Breite des gesellschaftlichen Rückhalts für die Energiewende eindrücklich sichtbar machte: Die Kernbotschaft war unmissverständlich: Erneuerbare Energien müssen schneller ausgebaut werden, und Strom darf kein Luxusgut bleiben. Angesichts stockender Klimaschutzmaßnahmen und steigender Energiepreise sahen die Teilnehmenden dringenden Handlungsbedarf.
Fazit
Der zentrale Vorwurf lautet: Politische Entscheidungen orientieren sich zu stark an den finanziellen Interessen der Energieunternehmen – und viel zu wenig an den Bedürfnissen der Bevölkerung sowie den Erfordernissen einer grünen Energiewende.
Die Demonstration in Hamburg macht deutlich: Der Druck auf die Politik wächst, damit zeitnah endlich das umgesetzt wird, was politisch - zur Energiewende - angekündigt wurde.
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Reichtum verpflichtet – oder doch nicht?
Viele Menschen spüren es längst: Irgendetwas läuft schief. Die Preise steigen, der Staat ächzt unter Überlastung, und für viele wird das Leben spürbar teurer. Gleichzeitig wächst der Reichtum an der Spitze weiter – und zwar rasant.
Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt gerade einmal ein Prozent des Vermögens. Dagegen steht, ein Prozent der reichsten Deutschen besitzen rund 28 Prozent.
In Deutschland gibt es immer mehr Milliardäre. Die 500 reichsten Deutschen besitzen zusammen über eine Billion Euro.
Das ist kein Ausreißer. Das ist ein System
Während Kriege, Krisen und steigende Energiepreise Haushalte und Unternehmen gleichermaßen treffen, wird eine entscheidende Frage auffällig selten gestellt:
Welchen Beitrag leisten eigentlich die Superreichen in dieser Situation?
Die unbequeme Antwort: oft weniger als normale Arbeitnehmer. Nicht, weil sie Steuern hinterziehen. Sondern weil das System es ihnen erlaubt, ihre Einkommen so zu gestalten, dass kaum Steuern anfallen. Das ist kein Skandal im Einzelfall – das ist ein strukturelles Problem.
Ein System mit Schlagseite
Studien zeigen:
Ein typischer Millionär zahlt effektiv rund 24 Prozent Abgaben.
Eine durchschnittliche Arbeitnehmerfamilie kommt auf etwa 43 Prozent. Das Ergebnis ist absehbar:
Vermögen wächst oben schneller – und die Schere geht weiter auf. Und nein, das ist kein Naturgesetz. Das ist politisch gemacht.
Die einfache Idee: Mindeststeuer für Superreiche
Eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro. Warum Vermögen statt Einkommen?
Weil Einkommen leicht verschoben, versteckt oder minimiert werden kann. Vermögen dagegen ist deutlich schwerer zu verschleiern.
Das Prinzip ist fair
* Wer bereits genug Steuern zahlt, bleibt unberührt
* Wer darunter liegt, zahlt die Differenz
* Betroffen sind nur extrem Vermögende
Es geht also nicht um „mehr Staat für alle“ – sondern um Mindestfairness für die Spitze.
Die üblichen Gegenargumente – und warum sie nicht tragen
Das schadet Unternehmen! Nein. Besteuert werden Personen, nicht Firmen. Unternehmen bleiben unangetastet.
Die Reichen sind nicht liquide. Doch – im Schnitt erzielen große Vermögen rund sechs Prozent Rendite. Zwei Prozent Steuer sind also problemlos tragbar. Wenn nicht, dann wandern sie eben aus!
Auch dieses Argument ist schwächer als gedacht. Studien zeigen: Steuererhöhungen führen nur zu minimaler Abwanderung. Zudem gibt es politische Mittel, um Steuerflucht zu begrenzen.
Worum es wirklich geht
Extremer Reichtum entsteht nie im luftleeren Raum.
Er basiert auf Infrastruktur, Bildung, Stabilität – also auf Leistungen der Gesellschaft.
Wer davon am meisten profitiert, kann sich nicht einfach aus der Verantwortung verabschieden.
Oder anders gesagt: Reichtum ist keine reine Privatleistung – also darf er auch nicht privat folgenlos bleiben.
Gerechtigkeit, Staat und Demokratie
Die Mindeststeuer wäre mehr als nur eine fiskalische Maßnahme:
* Gerechtigkeit: Alle leisten ihren fairen Beitrag
* Staatsfinanzen: Rund 17 Milliarden Euro jährlich wären möglich
* Demokratie: Weniger Machtkonzentration durch extreme Vermögen.
Denn eines ist klar: Wenn wirtschaftliche Ungleichheit zu groß wird, wird sie politisch.
Fazit
Ökonomische Ungleichheit + politische Macht = demokratisches Risiko.
Deutschland steht an einem Scheideweg und die Debatte hat längst Fahrt aufgenommen:
Eine Mehrheit der Bevölkerung unterstützt höhere Steuern für sehr Reiche.
Was fehlt, ist der politische Mut. Am Ende geht es um eine einfache Frage:
Soll ein Milliardär - prozentual - wirklich weniger zum Gemeinwesen beitragen als eine Pflegekraft?
Eine Mindeststeuer für Superreiche löst nicht alle Probleme. Aber sie würde ein offensichtliches Ungleichgewicht korrigieren. Und sie würde ein Prinzip stärken, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:
Wer am meisten profitiert, muss auch am meisten beitragen.
Deutschland kann diese Debatte nicht länger vermeiden. Es wird unbequem. Aber genau deshalb ist sie notwendig. Wie es machbar ist, zeigt uns unser Nachbar Österreich .
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Der Lobbyismus in Deutschland ist fragmentiert und nicht konfliktfrei. Dafür aber ungeheuer einflussreich!
Innerhalb der Industrie gibt es auch massive Gegensätze - z. B. Auto vs. Energie vs. Chemie - weil alle verschiedene Brancheninteressen haben.
Auch Gewerkschaften sind kein einheitlicher Block. Das Gleiche gilt für: Umweltverbände, Verbraucherverbände, Mittelstand etc.
Andere starke Akteure sind z. B.:
• BUND
• Greenpeace Deutschland
• Verbraucherzentrale Bundesverband
• Deutscher Bauernverband
Gerade der Bauernverband ist z. B. bei Agrar- und Subventionspolitik extrem einflussreich.
Wirtschaftslobby
Der Bundesverband der Deutschen Industrie ist wichtig, aber eher:
• Koordinations- und Dachverband
• weniger Durchsetzer - einzelner Konzerninteressen.
• Einzelunternehmen lobbyieren oft direkt und parallel, nicht nur über Verbände.
Beispiele
• Die Autoindustrie beeinflusst die Klimapolitik (Festhalten an Verbrennermotoren) sowohl über Verbände als auch direkt über Werksschließungs-/Standortargumente.
• Energiekonzerne agieren oft getrennt voneinander mit unterschiedlichen Strategien. Hinken aber auch ihren selbst gesteckten Klimazielen hinterher.
Gesundheit
Im Gesundheitsbereich ist der Einfluss nicht nur der Pharmalobby stark, sondern ein Dreieck:
• Pharmaindustrie (Preisgestaltung, Zulassung, Forschung)
• Krankenkassen (Kostenkontrolle, Systemlogik)
• Ärzteorganisationen (Vergütung, Versorgungssystem)
Das ist eher ein konfliktreicher Bereich, als ein einheitlicher Lobbyblock.
Energie
Zentrales Spannungsfeld:
• fossile Energiewirtschaft (Bestandssystem)
• erneuerbare Energien (Transformationsinteressen)
• Industrie (hohe Energiepreise als Standortfaktor)
Hier geht es weniger Industrie vs. Klima, sondern:
Transformationskonflikt innerhalb der Wirtschaft selbst.
Die Gesetzgebung
Nicht nur Lobbygruppen liefern Texte, sondern auch:
• Ministerialbeamte (eigentlich federführend)
• Wissenschaftliche Dienste des Bundestages
• EU-Vorgaben (bei vielen Gesetzen entscheidend)
Formulierungshilfen sind umstritten, aber: sie sind nicht automatisch Übernahme von Konzerninteressen - oft sind es technisch-juristische Vorarbeiten, die dann politisch angepasst werden.
Vergleich
Deutschland: Lobbyregister ist korrekt, aber noch lückenhaft (z. B. viele informelle Kanäle bleiben außen vor.
• EU: sehr transparent im Vergleich zu früher, aber extrem komplexes Zugangssystem.
• USA: sehr sichtbar, aber stark ungleich – Geld spielt dort noch direkter eine Rolle.
Lobbyismus ist nicht nur Einfluss von außen, sondern:
Politik braucht Expertise aus der Wirtschaft und Gesellschaft.
Staat ist in vielen Bereichen auf organisierte Interessen angewiesen.
Problem ist weniger Lobbyismus an sich, sondern ungleiche Ressourcen und Zugänge.
Fazit
Lobbyismus ist kein Parallelstaat, sondern ein struktureller Bestandteil moderner Politik – mit dem zentralen Problem, dass organisierte Lobby-Interessen ungleich stark vertreten sind.
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Wenn der Hamburger Bundestagsabgeordnete der CDU, Christoph Ploß, NGOs - pauschal - der politischen Linken zuordnet und die Verwendung von Steuergeldern für deren soziale Arbeit und demokratische Aufklärungsprojekte kritisiert, dann wirkt es wie der Versuch, unsere Demokratie zu delegitimieren.
Anstatt eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den von den Nichtregierungsorganisationen aufgezeigten sozialen Missständen zu suchen, wird der Fokus auf die mutmaßliche politische Orientierung der genannten NGOs verlagert. Das ausschließlich mit dem Hintergrund, die Fördergelder, die für die teilweise ehrenamtliche Arbeit benötigt werden, zu entziehen.
Es entsteht der Eindruck, dass polemische Zuspitzungen genutzt werden, um von inhaltlichen Schwächen oder ungelösten Problemen der Politik abzulenken. Gerade in einer Demokratie ist jedoch die kritische Begleitung staatlichen Handelns kein Luxus, sondern ein notwendiges Gegengewicht – unabhängig davon, ob diese Kritik aus der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft oder von NGOs kommt.
Mit dieser Haltung spielt Herr Ploß letztlich der AfD in die Hände. Denn wer zivilgesellschaftliche Organisationen diskreditiert, schwächt das Vertrauen in demokratische Kontrollmechanismen und fördert eine Rhetorik, die Zweifel an der Legitimität kritischer Stimmen sät. Damit werden die Narrative der AfD gestärkt, die den gesellschaftlichen Diskurs polarisieren, statt ihn sachlich zu führen.
Die Linie von Herrn Ploß
* Kritik an vermeintlich linken NGOs, die staatliche
Gelder erhalten, soll die Unterstützung entzogen werden.
* Forderung: Steuergeld lieber für klassisch
staatliche, Aufgaben (Schulen, Polizei, Infrastruktur) verwenden.
* Argument: Einige NGOs seien politisch einseitig und würden indirekt gegen staatliche Positionen arbeiten.
Argumente der Kritiker von Herrn Ploß
* sie warnen vor einer Erosion der Demokratie.
* sie sehen die NGOs als zentralen Bestandteil der
demokratischen Kultur.
* eine Diskursverschiebung–Richtung AfD-Narrative.
* widersprechen klar der Idee politischer Neutralität: Zivilgesellschaft darf und soll kritisch sein.
* NGOs entstehen oft dort, wo der Staat Lücken lässt.
* Die CDU übernehme indirekt Argumentationen der
AfD.
Gegenargumente von Herrn Ploß & Unterstützer
* Der Staat soll keine Organisationen finanzieren, die
einseitig agieren.
Ein zentraler Streitpunkt
Müssen staatlich geförderte Organisationen politisch neutral sein? Nein, weil:
* Demokratie lebt von Meinungsvielfalt und Kritik.
* In einem demokratischen System, sind rechtlich zugelassene NGOs ein Teil der politischen Willensbildung.
Kein normaler Streit,
sondern Teil eines größeren Trends:
* in mehreren Ländern wurden NGOs gezielt politisch
unter Druck gesetzt.
* Der Vorwurf „linksaktivistisch“ ist ein typisches
politisches Framing.
* Gleichzeitig gibt es legitime Fragen:
Transparenz, Wirkung und Kontrolle von Fördergeldern.
Der Konflikt dreht sich also nicht nur um Geld, sondern um: Wer prägt die demokratische Öffentlichkeit – Staat oder Zivilgesellschaft?
Was daran wirklich brisant ist
* NGOs wie HateAid, Umweltverbände oder
Bildungsinitiativen übernehmen Aufgaben, die der Staat oft nicht schnell genug erfüllt.
* Wenn diese geschwächt werden:
könnte Engagement zurückgehen oder sich politisch radikalisieren.
* Zivilgesellschaft & Kritiker sehen darin eine Gefahr für demokratische Vielfalt.
Fazit
* Herr Ploß fordert mehr Kontrolle, weniger politische NGO-Förderung. Da hat er nicht ganz Unrecht.
Die politischen Aktivitäten von Abgeordneten, wie von Herrn Ploß zu kontrollieren, wäre schon mal ein erster, wirtschaftlicher Ansatz.
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weil Deutschlands Wirtschaft schwächelt
Krisen galten einmal als Ausnahme. Heute sind sie Alltag: Rente wackelt, Mieten explodieren, Brücken bröckeln, Arzttermine werden zur Geduldsprobe, Schulen kämpfen am Limit, Kita-Plätze sind Glücksache. Der Arbeitsmarkt ist gleichzeitig überfordert und unterversorgt.
Das eigentliche Problem ist längst nicht mehr die einzelne Krise. Es ist ihre Dauerhaftigkeit. Denn eine Demokratie lebt nicht davon, perfekt zu sein. Sie lebt davon, Probleme sichtbar zu lösen. Genau daran wächst derzeit der Zweifel.
Normalzustand
Wenn Krisen zum Normalzustand werden, verändert sich die Wahrnehmung der Menschen. Politik erscheint nicht mehr als gestaltende Kraft, sondern als Getriebene. Nicht mehr als Lösung, sondern als Teil des Problems. Und wo dieses Gefühl entsteht, beginnt etwas Gefährliches: Vertrauen erodiert – leise, aber nachhaltig.
In dieses Vakuum stößt die Alternative für Deutschland (AfD). Und sie macht dabei etwas, das auf den ersten Blick wie schonungslose Ehrlichkeit wirkt. Sie benennt Missstände. Sie zeigt auf das, was nicht funktioniert. Sie spricht aus, was viele frustriert.
Doch genau hier liegt der Unterschied zwischen Analyse und Instrumentalisierung.
Die AfD beschreibt die Krise nicht, um sie zu lösen – sie nutzt sie. Komplexe Zusammenhänge werden radikal vereinfacht. Aus vielschichtigen Problemen werden eindeutige Schuldzuweisungen. Aus Unsicherheit wird Wut kanalisiert. Das funktioniert, weil es ein echtes Bedürfnis bedient: Orientierung in unübersichtlichen Zeiten. Aber der Preis dafür ist hoch. Denn wer einfache Antworten auf komplexe Fragen akzeptiert, bekommt keine echten Lösungen – sondern Scheinlösungen.
Das Grundproblem bleibt bestehen
Eine Politik, die Krisen nur verwaltet, verliert Vertrauen. Eine Gesellschaft, die Vertrauen verliert, wird anfällig für Vereinfachung. Und eine Vereinfachung, die Realität verzerrt, führt nicht aus der Krise – sondern tiefer hinein. Deshalb greift es zu kurz, zu sagen, nur „die Politik“ habe versagt. Die eigentliche Herausforderung ist größer:
Wie schafft man es, in einer Zeit permanenter Krisen wieder Handlungsfähigkeit sichtbar zu machen?
Wie erklärt man notwendige, oft unbequeme Maßnahmen so, dass sie nachvollziehbar bleiben?
Und wie verhindert man, dass berechtigte Kritik zur Grundlage für demokratiefeindliche Narrative wird?
Die Antwort darauf ist unbequem, aber klar: Demokratie muss wieder liefern – nicht perfekt, aber spürbar.
Fazit
Am Ende entscheidet nicht die Existenz von Wirtschaftskrisen über das Vertrauen in den Staat. Sondern die Frage, ob Menschen das Gefühl haben, dass jemand sie ernsthaft löst.
Wenn dieses Gefühl zurückkehrt, verlieren auch jene an Einfluss, die von der Dauerkrise leben.
Wenn nicht, wird die Krise selbst zum politischen System. Kurz: der Sozialstaat wird in Frage gestellt.
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