Freitag, 21. August 2026
AfD und DDR

Ich möchte das Deutschland von früher zurück,
sagt Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Das ist erstaunlich. Denn Ostdeutschland – die Älteren werden sich erinnern – sah damals vielerorts so aus: Häuser im sozialistischen Einheitsgrau, sofern der Putz nicht bereits großflächig abgefallen war. Die Luft war belastet von Braunkohle und Trabant-Abgasen. Leitungswasser war vielerorts nur nach Abkochen genießbar. Manche Flüsse waren kaum mehr als Giftmülldeponien.
Dahin möchte Siegmund also zurück? Kein Problem.
Natürlich hatten viele Menschen im Osten nach der Wiedervereinigung eine schwierige Zeit. Die Treuhand, der Verlust von Arbeitsplätzen, die Erfahrung, dass plötzlich vieles von Menschen entschieden wurde, die aus dem Westen kamen, und der Wegzug vieler junger Menschen – vor allem junger Frauen – haben tiefe Spuren hinterlassen. Das alles darf und muss man kritisieren.
Aber rechtfertigt das, aus Trotz die DDR-Hymne zu singen und eine Diktatur nachträglich zum vermeintlichen Wohlfühlstaat zu verklären? Ernsthaft? Andere Länder mussten ihren Weg ebenfalls gehen.

Zur Erinnerung
Auch Tschechen, Balten, Polen und Slowenen hatten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie hatten keinen Solidaritätszuschlag, keinen Länderfinanzausgleich und keine vergleichbaren Milliardenströme, die seit 1990 in den Osten Deutschlands geflossen sind. Trotzdem haben diese Länder ihren eigenen Weg gefunden.
Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems: Während andere Gesellschaften viele Veränderungen selbst organisieren und finanzieren mussten, hat sich in Teilen Ostdeutschlands ein dauerhaftes Gefühl festgesetzt, zu kurz gekommen zu sein – selbst Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung.
Und dieses Gefühl wird politisch kräftig bewirtschaftet.
Auf ostdeutschen Marktplätzen ist inzwischen immer wieder zu hören: „Geld für unsere Bürger, nicht für fremde Kriege.“ Ulrich Siegmund behauptet sinngemäß, jede Minute flössen 20.000 Euro in die Ukraine, und fordert mehr „Egoismus“. Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Realität. Über den Länderfinanzausgleich fließen erhebliche Beträge von finanzstärkeren in finanzschwächere Bundesländer. Davon profitieren auch ostdeutsche Länder.

Und wisst ihr was, liebe AfD-Ossis?
Auch hier im Westen sind die Brücken marode. Straßen haben Schlaglöcher. In Schulen fehlt Personal. Kommunen müssen sparen. Viele Menschen warten auf bessere Infrastruktur und funktionierende Behörden.
Die Probleme sind also keineswegs ausschließlich ostdeutsche Probleme.

Da stellt sich eine unangenehme Frage
Warum sollten wir den Osten weiterhin mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützen, wenn dort eine Partei immer stärker wird, die gleichzeitig die demokratischen Grundlagen unseres Landes infrage stellt?
Eine Partei, die den Westen verachtet, Donald Trump verehrt und sich politisch auffällig häufig auf die Seite Russlands stellt – eines Staates, der seit Jahren Krieg gegen die Ukraine führt und damit die europäische Friedensordnung massiv infrage stellt?
Nein, wir hier im Westen sind vielleicht liberal. Manchmal vielleicht sogar ein wenig naiv. Aber dumm sind wir nicht. Dann macht es doch einmal allein!

Fazit
Wenn ihr die AfD an die Macht wählt und überzeugt seid, dass alles besser wird, dann verzichtet doch konsequenterweise auch auf unsere Kohle.
Dafür könnt ihr inbrünstig die DDR-Hymne singen, euch als „die besseren Deutschen“ fühlen, müsst euch nicht mehr über Gendern aufregen und könnt Begriffe wie „Paprika-Schnitzel“ und „Schokokuss“ wieder so nennen, wie ihr es früher gewohnt wart.
Und die paar Ausländer, die bei euch leben, nehmen wir natürlich auch gerne auf. Kein Problem.
Dann könnt ihr einmal selbst ausprobieren, wie gut es sich tatsächlich in den angeblich so „guten alten 1990er-Jahren“ leben lässt.
Vielleicht würde dabei eine Erkenntnis helfen: Die DDR war keine heile Welt. Und auch die 1990er-Jahre waren für viele Menschen in Ostdeutschland alles andere als eine gute alte Zeit.
Natürlich darf man die Fehler der Wiedervereinigung benennen. Natürlich darf man über die Treuhand, Arbeitsplatzverluste, Abwanderung und die soziale Ungleichheit zwischen Ost und West sprechen.
Aber aus berechtigter Kritik darf kein Mythos werden.
Und aus Enttäuschung sollte schon gar keine politische Erzählung entstehen, nach der die eigene Vergangenheit plötzlich besser gewesen sein soll, als sie tatsächlich war.
Wer die Vergangenheit verklärt, löst die Probleme der Gegenwart nicht.

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