Alles zu seiner Zeit
Erinnerungen aus dem alten St. Pauli. Geboren 1943, ein echter St. Paulianer. Zur Schule ging ich in die Seilerstraße, gelebt habe ich bis 1972 in der Hein-Hoyer-Straße, und zwar – gelebt – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn „Leben“ bedeutete damals etwas anderes als heute.
Freunde und Zusammenhalt waren keine schönen Begriffe, sondern Grundvoraussetzung für den Alltag. Wer allein war, hatte es schwer. Wer Teil einer Gruppe war, hatte alles: Rückhalt, Abenteuer und eine Freiheit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Unsere Welt war St. Pauli. Die Straßen waren unser Spielplatz, der Hafen unser Abenteuerspielplatz.
Ein besonderer Höhepunkt waren unsere Ausflüge in den Freihafen. Dort liefen die großen Schiffe ein, beladen mit Waren aus aller Welt – für uns hauptsächlich interessant: Bananen und Apfelsinen. Gelagert wurden sie in den Schuppen, zum Beispiel im Schuppen 36, bevor sie von Großhändlern abgeholt wurden.
Die Schauerleute kannten uns Jungs. Und sie hatten ein Herz für uns. Während sie die Ladung von den Schiffen in die Schuppen brachten, steckten sie uns immer wieder ein paar Bananen oder Apfelsinen zu. Kleine Gesten, die für uns große Bedeutung hatten.
Das eigentliche Problem kam danach: Wie bekommt man die „Beute“ durch die Zollkontrolle?
Der Freihafen war komplett abgesperrt – Zäune, oben Stacheldraht. Einfach durch die Kontrollstellen herausgehen - mit vollen Taschen? Unmöglich. Also benötigten wir eine Lösung. Und die fanden wir – wie so oft – gemeinsam.
Wir waren meist zu zweit oder zu dritt unterwegs. Einer ging ohne alles durch die Zollkontrolle und stellte sich draußen am Zaun an eine vorher ausgesuchte Stelle, die von den Zöllnern nicht eingesehen werden konnte. Der Rest von uns blieb noch im Freihafen – mit den Früchten.
Dann flogen die Bananen und Apfelsinen über den Zaun.
Anschließend gingen wir ganz normal durch die Kontrolle – unschuldig wie immer. Draußen wurde verteilt, was wir zuvor „gerettet“ hatten.
Das war unsere Art, mit Grenzen umzugehen. Für uns war diese Freiheit der Normalfall. Wir haben nicht darüber nachgedacht, ob sie besonders ist – sie war einfach da. So wie heute für viele Menschen die Freiheit selbstverständlich ist, sich über soziale Medien zu bewegen, sich auszutauschen und zu vernetzen.
Jede Generation hat ihre eigene Form von Freiheit. Unsere war draußen, direkt, greifbar. Man konnte sie sehen, hören, riechen. Sie hatte Ecken und Kanten – und manchmal auch ein bisschen Risiko. Heute ist vieles digitaler, schneller, globaler. Anders eben.
Fazit
Mein Credo dazu ist einfach - alles zu seiner Zeit. Aber eines bleibt für unsere Zeit:
Die Erinnerungen an Freundschaft, Zusammenhalt und diese unbeschwerte Freiheit – die kann einem keiner mehr nehmen.
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