Die öffentliche Sicherheitsdebatte wird stark von Einzelfällen, Schlagzeilen und politischer Zuspitzung beeinflusst.
Der Eindruck
Die Angst vor Kriminalität steige ständig und flächendeckend. Doch Langzeitstudien zeichnen ein differenzierteres Bild. Große sozialwissenschaftliche Datensätze zeigen keine lineare Angst-Explosion, sondern Schwankungen – mit langfristig eher rückläufigen Trends und zuletzt moderaten Wiederanstiegen.
Auswertungen, wie sie unter anderem von Der Spiegel auf Basis etablierter Bevölkerungsstudien dargestellt wurden, stützen sich auf jahrzehntelange Messreihen statt auf Momentaufnahmen. Genau diese Perspektive ist entscheidend.
Sicherheitsgefühl ist subjektiv – aber empirisch erfassbar
Kriminalitätsfurcht ist kein Polizeiwert, sondern eine Wahrnehmungsgröße. Dennoch wird sie seit Jahrzehnten methodisch standardisiert erhoben. Typische Umfragen lauten:
• Wie sicher fühlen Sie sich nachts draußen?
• Wie groß ist Ihre Sorge vor Kriminalität?
• Vermeiden Sie bestimmte Orte?
• Hat Ihr Sicherheitsgefühl zu- oder abgenommen?
Weil diese Fragen über lange Zeiträume hinweg gleich formuliert werden, lassen sich belastbare Trends erkennen.
Der Langzeittrend: Kein dauerhafter Angstanstieg
Die großen Zeitreihen zeigen typischerweise:
• hohe Kriminalitätsfurcht in den 1990er Jahren
• schrittweiser Rückgang in den 2000ern
• niedrige Werte in den 2010ern
• erneuter Anstieg seit etwa 2022/23
Sicherheitsgefühl ist subjektiv – aber empirisch erfassbar
Der aktuelle Anstieg liegt bislang unter früheren Hochphasen. Es gibt Schwankungen – aber keinen durchgehenden historischen Aufwärtstrend der Angst.
Medienaufmerksamkeit verstärkt Risikowahrnehmung
Die Risikoforschung beschreibt seit langem den sogenannten Verfügbarkeits-Effekt: Häufig berichtete, emotional aufgeladene Ereignisse werden als wahrscheinlicher eingeschätzt.
Verstärkende Faktoren:
• intensive Einzelfallberichterstattung
• visuelle Dramatisierung
• Wiederholung
• Personalisierung
Empirisch zeigt sich: Medienintensität korreliert messbar mit steigender subjektiver Bedrohungswahrnehmung – unabhängig von der realen Häufigkeit bestimmter Delikte.
Der Eindruck
Das Sicherheitsgefühl ist sozial ungleich verteilt. Langzeitdaten zeigen stabile Gruppenunterschiede nach
Geschlecht.
• Frauen berichten deutlich höhere Unsicherheitswerte, nachts im öffentlichen Raum teils doppelt so hoch
• über Jahrzehnte stabiler Befund
Soziale Lage
• niedrigeres Einkommen höhere, Kriminalitätsfurcht
• belastete Wohnumfelder, höhere Unsicherheit
• gesundheitliche Einschränkungen, höhere Unsicherheit
• höheres Alter - höhere Unsicherheit
Folgerung: Kriminalitätsfurcht ist stark sozialstrukturell geprägt.
Medienaufmerksamkeit verstärkt Risikowahrnehmung
Situations- und Ortsabhängigkeit - Unsicherheitsgefühl ist kontextabhängig. Regelmäßig genannte Angsträume:
• schlecht beleuchtete Wege
• leere Bahnhöfe nachts
• unübersichtliche Plätze
• isolierte Haltestellen
Gleichzeitig bewerten viele Befragte ihre Stadt insgesamt positiv. Studien zeigen daher: Situationswahrnehmung und Gesamtbewertung sind getrennte Dimensionen. Monokausale politische Erklärungen greifen zu kurz.
Forschungsmodelle, die multiple Faktoren gleichzeitig berücksichtigen (multivariate Analysen), zeigen:
Wenn kontrolliert wird für
• Einkommen
• Bildung
• Alter
• Quartiersbedingungen
• Arbeitslosigkeit
• Infrastruktur
verlieren vereinfachende Ein-Ursachen-Erklärungen deutlich an Erklärungskraft.
Kriminalitätsfurcht ist multikausal – nicht eindimensional erklärbar. Warum Langzeitstudien methodisch überlegen sind.
Große Surveyreihen bieten entscheidende Vorteile:
• identische Fragen über Jahrzehnte
• große Stichproben
• methodische Dokumentation
• Vergleichbarkeit
• Trendanalyse statt Ereignisreaktion
Zentrale Datengrundlagen stammen u. a. von:
• GESIS (ALLBUS-Reihen)
• Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (SOEP-Panel)
• Politbarometer-Erhebungen des ZDF
Wirksame Sicherheitspolitik umfasst auch
• Sozialpolitik
• Bildungszugang
• Stadtgestaltung
• Beleuchtung & Infrastruktur
• Quartiersentwicklung
• Präventionsarbeit
Reine Strafverschärfung adressiert Angst oft weniger als soziale Stabilisierung.
Fazit
Langzeitstudien zeigen keinen dauerhaften Anstieg der Kriminalitätsfurcht, sondern Schwankungen mit langfristig eher rückläufigem Trend und jüngstem moderatem Wiederanstieg. Sicherheitsgefühl wird stärker durch soziale Lage, situative Faktoren und Medienwirkung beeinflusst als durch Einzelereignisse.
Quellen & Datengrundlagen
• ALLBUS-Langzeitreihen, GESIS – Bevölkerungsumfragen zu Ein-stellungen und Wahrnehmungen
• SOEP-Panel, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung – Soziale Lage & Sicherheitswahrnehmung
• Politbarometer-Zeitreihen, ZDF – Sorgenindikatoren & Kriminali-tätsfurcht
• Risikowahrnehmungsforschung / Verfügbarkeitsheuristik (Survey- und Medienwirkungsstudien)
• Kriminologische Dunkelfeld- und Sicherheitsforschung, Max-Planck-Institute & Surveyforschung
• Sekundärauswertung und Darstellung der Trendlinien in Der Spiegel (Datenjournalismus-Analyse)
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