Wie andere Länder Bahnsteige schützen
Wenn nach einem schrecklichen Vorfall im Bahnverkehr über Konsequenzen gesprochen wird, richtet sich der Blick oft zuerst auf Täter, Motive und Sicherheitsdebatten. Seltener wird nüchtern gefragt: Welche technischen und baulichen Schutzmaßnahmen gibt es eigentlich – und wo funktionieren sie bereits?
Ein internationaler Vergleich zeigt: Es existieren längst erprobte Lösungen, um Fahrgäste wirksam davor zu schützen, auf Gleise zu fallen oder gestoßen zu werden. Viele davon erfordern Umbauten – aber sie retten Leben und reduzieren schwere Unfälle deutlich.
Hier ein Überblick über bewährte Sicherungsoptionen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.
Bahnsteigtüren (Platform Screen Doors – PSD)
Eine wirksame, bekannte Maßnahme sind die sogenannten Platform Screen Doors (PSD)-Bahnsteigtüren oder Bahnsteigbarrieren.
Entlang der Bahnsteigkante wird eine Glaswand installiert. Die Türen darin öffnen sich erst, wenn der Zug korrekt hält und seine Türen freigibt. Ein direkter Zugang zum Gleis ist damit ausgeschlossen.
Vorteile
• Verhindert Sturz- und Stoßunfälle
• Deutlich weniger Suizid- und Homizidfälle
• Weniger Betriebsstörungen durch Personen im Gleis
• Schutz bei Gedränge
• Klimatische Vorteile in geschlossenen Stationen
Vollständige oder weitgehende Ausstattung mit PSD
• Seoul Metro (Südkorea)
• Singapur MRT
• Dubai Metro
• viele Metrosysteme in China
• Sydney Metro (neue Linien)
• zahlreiche neue japanische Stationen
• Paris (automatische Linien + Nachrüstung)
• Tokio (schrittweiser Ausbau)
• Hongkong (Nachrüstung älterer Stationen)
Sensoren an Bahnsteigkanten
Einige Systeme setzen auf intelligente Sensorik statt baulicher Vollbarrieren.
Technik
• Laser- oder Infrarotsensoren
• Drucksensoren
• kamerabasierte KI-Erkennung
• automatische Notbremsauslösung
Einsatzorte
• moderne Metroanlagen in Japan
• Pilotprojekte in europäischen Netzen
• Hochgeschwindigkeitsbahnhöfe in Asien
Nutzen
• Frühwarnung bei Sturz oder Gleisbetreten
• Automatische Zugbremsung möglich
• Geringerer Umbauaufwand als PSD
Bahnsteigdesign und Markierungssysteme
Auch das Design der Bahnsteige selbst trägt zur Sicherheit bei.
Maßnahmen:
• Breitere Sicherheitsabstände zur Bahnsteigkante
• deutlich sichtbare Warnzonen
• taktile Bodenindikatoren
• strukturierte Leitsysteme
• optische und akustische Warnsignale
Besonders konsequent umgesetzt in
• Japan
• Südkorea
• Singapur
• neueren chinesischen Stationen
Diese Maßnahmen verhindern zwar kein gezieltes Stoßen – reduzieren aber Unfallrisiken durch Gedränge und Unachtsamkeit.
Personalpräsenz und Bahnsteigaufsicht
Technik ersetzt nicht alles. Viele Städte kombinieren bauliche Sicherung mit sichtbarer Personalpräsenz.
Beispiele
• Bahnsteigpersonal in Tokio und Seoul
• Sicherheitskräfte in Stoßzeiten
• Einweiser bei stark frequentierten Linien
• mobile Einsatzteams
Effekt
• Deeskalation
• schnellere Reaktion bei Gefahr
• bessere Fahrgastlenkung
Videoüberwachung mit Echtzeitanalyse
Moderne Systeme nutzen KI-gestützte Videoanalyse, um Gefahrensituationen zu erkennen.
Möglichkeiten
• Erkennen von Gleisbetreten
• Alarmierung in Sekunden
• automatische Signalstopps
• Leitstellenreaktion in Echtzeit
Vor allem in Asien und bei neuen Metroprojekten wird diese Technik zunehmend Standard.
Kosten vs. Lebensschutz
Der Einwand ist fast immer derselbe: zu teuer, zu aufwendig, zu komplex im Bestand. Das stimmt – insbesondere bei Nachrüstung alter Stationen.
Aber international zeigt sich:
• Neue Linien werden fast überall mit Schutzsystemen geplant
• Nachrüstung erfolgt dort, wo Risiko und Frequenz hoch sind
• Mischlösungen (Teilbarrieren + Sensorik) werden häufiger
• Priorisierung nach Gefahrenlage ist möglich
Fazit
Die zentrale politische Frage lautet daher nicht, ob Schutz technisch machbar ist – sondern was sind uns Menschenleben wert.
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