Mittwoch, 21. Januar 2026
Telefonische Krankschreibung

Behauptung der Politik und Arbeitgeberseite
Der Krankenstand in Deutschland hängt mit der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (Tele-AU) zusammen. Das behaupten Bundeskanzler Friedrich Merz und die Arbeitgeberseite. Anscheinend benötigt unser Bundeskanzler einen Nebenkriegsschauplatz, um - analog Donald Trump - mit Fakenews, von seinen nicht eingehaltenen Versprechungen abzulenken.
Herr Merz soll seine Arbeit als Bundeskanzler verrichten, anstatt solch haltlosen Quatsch der Arbeitgeberseite zu verbreiten. Das zeigen die u.a. Fakten deutlich auf.

Fakt ist
Für die Behauptung des Kanzlers und der Arbeitgeberseite gibt es keinerlei empirische Grundlagen. Die Tele-AU ist nicht das Problem der Krankschreibungen. Warum?

1. Laut Zentralinstitut machen für die kassenärztliche Versorgung die Tele-AU max. 1,2 Prozent aller AU-Fälle aus.
Selbst bei Atemwegserkrankungen, dem häufigsten Krankheitsgrund, liegt der Anteil deutlich unter zwei Prozent.

2. Kein Nachweis für Missbrauch
Krankenkassen, wie die Barmer und der ärztliche Verband kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis.
Es gibt keinen Hinweis auf systematischen Missbrauch der Tele-AU. Sie sind zeitlich begrenzt (maximal fünf Tage) und nicht verlängerbar. Nur für bekannte Patientinnen und Patienten ist die Tele-AU möglich.
Die Regelung ist eng gefasst und missbrauchsarm – das bestätigen alle verfügbaren Daten. Auch die Hausärzte warnen vor einer Abschaffung der Tele-AU.

3. Der Anstieg der Krankentage hat andere Hauptursachen.
Über 40 Prozent der Fehlzeiten entstehen durch Langzeiterkrankungen (mehr als sechs Wochen) Besonders stark steigen: psychische Erkrankungen (z. B. Depressionen, Erschöpfung), Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Kurze Krankmeldungen – egal ob telefonisch oder nicht – haben auf diese Statistik kaum Einfluss.

4. Der „sprunghafte Anstieg“ ist zum Teil ein Statistik-Effekt.
Seit Einführung der Tele-AU werden Krankmeldungen vollständig erfasst. Früher gingen viele Papierbescheinigungen nie bei den Krankenkassen ein – besonders in den ersten sechs Wochen, in denen der Arbeitgeber zahlt. Folgerung:
Ein Teil des Anstiegs ist keine reale Zunahme von Krankheit, sondern bessere Erfassung.

5. Die Debatte lenkt (bewusst?) vom Kernproblem ab.
Arbeitsverdichtung, Personalmangel, Unsicherheit, Dauerstress und mangelnde Prävention bleiben politisch oft unbehandelt. Stattdessen wird Verantwortung individualisiert: Nicht die Arbeitsbedingungen, sondern die Beschäftigten geraten unter Verdacht.
Die Diskussion über die Tele-AU ist keine Problemlösung, sondern eine Ablenkung.

Fazit
Ein Instrument, das in über 98 Prozent der Fälle keine Rolle spielt, kann den Gesamtkrankenstand nicht signifikant beeinflussen.
Der hohe Krankenstand in Deutschland ist kein Beweis für Missbrauch, sondern ein Hinweis auf:
> steigende psychische Belastungen,
> strukturelle Defizite in der Arbeitswelt,
> und eine realistischere statistische Abbildung von Krankheit.
Wer ernsthaft etwas ändern will, muss über Arbeit, Gesundheit und Prävention reden – nicht über ein Instrument, das statistisch kaum ins Gewicht fällt.
Friedrich Merz scheitert nicht an der Tele-AU. Er scheitert an der Realität. Wer als Bundeskanzler den Krankenstand mit unbelegten Behauptungen erklärt, betreibt keine Politik, sondern Stimmungsmache. Wer Beschäftigte unter Generalverdacht stellt, um eigene Konzeptlosigkeit zu kaschieren, missbraucht sein Amt. Und wer Narrative der Arbeitgeberseite nachplappert, statt faktenbasiert zu regieren, hat den Anspruch auf politische Seriosität verwirkt.
Das ist kein Ausrutscher. Das ist ein politisches Muster. Probleme werden nicht gelöst, sondern umgedeutet. Verantwortung wird nicht übernommen, sondern nach unten delegiert. Und soziale Sicherheit wird nicht als Stabilitätsfaktor verstanden, sondern als Störfaktor markiert. Genau so beginnt der schleichende Abbau von Vertrauen in Staat und Demokratie.
Nicht die Tele-AU beschädigt dieses Land. Beschädigend ist eine Politik, die Misstrauen sät, um Handlungsunfähigkeit zu verdecken. Ein Bundeskanzler, der so agiert, führt nicht. Er weicht aus. Er polarisiert. Und er verspielt Vertrauen. Das ist der eigentliche Skandal.

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