Samstag, 17. Januar 2026
Quartier St.Pauli

Zwischen Weltoffenheit, Glanz und Verdrängung
St. Pauli war schon immer ein multikulturelles Wohnviertel. Die Nähe zum Hafen – als Tor zur Welt – und der Kontakt zu Seeleuten aller Nationen, trug zur Unvoreingenommenheit und Toleranz der St.Paulianer:innen bei.
Nach 1945 war St. Pauli ein Viertel der Trümmer und des Neuanfangs. Der Hamburger Hafen, mit seinen vielen unterschiedlichen Arbeitsmöglichkeiten, bot vielen St. Paulianer:innen die Möglichkeit zum Neubeginn, um ihr Viertel wieder als urbanes Zuhause aufzubauen.
Weltoffen war St. Pauli schon immer. Es existierte hier schon früh ein kleines Chinatown, mit chinesischer Gastronomie, die uns der fremden Kultur, den Menschen und dem chinesischen Alltag und ihre Küche näherbrachte. Das Gleiche gilt für das angrenzende Schanzenviertel, mit seinen überwiegend türkischen und jugoslawischen Gastarbeitern.
In den 1960er-Jahren kehrten Flair und Vergnügen auf den Kiez zurück. Revuetheater, Tanzcafés und Musikclubs erlebten eine Renaissance, die Reeperbahn und die Große Freiheit wurden zur Partymeile.
Britische Bands traten in den Clubs (Indra, Starclub, Kaiserkeller, Top Ten) auf. Auch die, Beatles, lange bevor sie Weltstars wurden.
Doch hinter dem Glanz etablierte sich eine andere Ordnung: St. Pauli wurde zum Machtgebiet wechselnder Zuhälterbanden.
In den 1970er-Jahren dominierte Wilfried „Frida“ Schulz den Kiez. Als selbst ernannter „Pate von St. Pauli“ regelte er Konflikte auf seine Art. Staatliche Autorität war hier zweitrangig – Schulz fungierte als informeller Regent des Rotlichtviertels.
Ende der 1970er-Jahre übernahmen jüngere Gruppierungen das Geschäft: die „Nutella-Bande“ und die „GmbH“. Die als „Luden“ oder „Loddel“ bekannten Zuhälter bauten Bordellimperien auf und inszenierten ihren Reichtum demonstrativ. Maßanzüge, Champagner und Luxusautos gehörten ebenso zum Straßenbild wie Gewalt und Einschüchterung.
In den 1980er-Jahren radikalisierte sich das Viertel politisch und sozial. Autonome besetzten Häuser in der Hafenstraße, die Rote Flora wurde zum Symbol des Widerstands. Gleichzeitig nahm der Drogenhandel zu, Kokain forderte unter den Kiezgrößen seinen Tribut.
In dieser Zeit arbeitete auch die Prostituierte Domenica auf St. Pauli. Mit medialer Präsenz und klaren Forderungen nach der Legalisierung ihres Berufs wurde sie zur bekanntesten Prostituierten Deutschlands – und zur Ausnahmeerscheinung in einer ansonsten männlich dominierten Öffentlichkeit.

Fazit
Bis in die 1970er-Jahre hinein galt St. Pauli als armes, aber solidarisches Arbeiterviertel. Zugleich war es immer ein linkes Viertel. Politisch hat sich daran wenig geändert: Noch heute wählen über 30 Prozent der Bewohner:innen „Die Linke“, während die „AfD“ unter 5% Prozent liegt.
Ökonomisch jedoch hat sich St. Pauli grundlegend gewandelt. Die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier steigen seit Jahren rasant. Das Viertel bleibt ein Amüsierviertel – doch jene Menschen, die es über Jahrzehnte geprägt haben, können es sich immer seltener leisten, hier zu leben.

... comment