Warum ist die AfD in manchen Regionen besonders stark?
Das lässt sich mit normalem Menschenverstand erklären. Allerdings wird dieser Verstand, den man vielen unserer Politiker:innen nicht absprechen kann, dem jeweiligen Parteiprogramm untergeordnet.
Auch gibt nicht den einen Grund, warum die AfD in bestimmten Regionen besonders hohe Wahlergebnisse erzielt. Die Ursachen unterscheiden sich nicht nur, nach Ost und West, sondern auch regional deutlich. Dennoch lassen sich auf einer übergeordneten Ebene wiederkehrende Muster erkennen, die viel aussagen, über gesellschaftliche Bruchlinien und die Schwäche der Demokratie im aktuellen Deutschland.
Auffällig ist zunächst die räumliche Konzentration: Besonders stark ist die AfD in strukturschwachen oder strukturschwächelnden Regionen, vorwiegend im ländlichen Raum. Nicht nur abgeschiedene Dörfer, sondern häufig Klein- und Mittelstädte samt Umland. Orte, die lange als stabil galten und nun schleichend an die AfD verloren werden.
Viele dieser Regionen erleben tiefgreifende, soziale Transformationsprozesse. Schulen werden geschlossen, Geschäfte stehen leer, Arztpraxen finden keine Nachfolge, Bus- und Bahnverbindungen werden ausgedünnt oder ganz eingestellt. Industrien, die über Jahrzehnte Identität und Sicherheit boten, sind abgewandert oder stark geschrumpft. Der Alltag wird komplizierter, Wege werden länger und Perspektiven unsicherer.
Ostdeutschland
Im Osten Deutschlands vollzog sich dieser Umbruch nach 1990 abrupter und sichtbarer. Im Westen dagegen verläuft er langsamer, schleichender – aber nicht weniger wirksam. Gerade diese langsame Erosion erzeugt das Gefühl, dass etwas verloren geht, ohne dass klar benannt wird, wann, wieso und warum.
Hinzu kommen demografische Probleme, die viele dieser Regionen zusätzlich belasten. Sie sind häufig dünn besiedelt und von Abwanderung geprägt. Wegziehen vorwiegend die Jungen, Mobilen und Gutqualifizierten – diejenigen, die Alternativen haben. Zurückbleiben ältere Bevölkerungsgruppen, oft mit dem Eindruck, abgehängt oder politisch übersehen zu werden. Die Folge ist eine zunehmende Überalterung, verbunden mit Zukunftsängsten und dem Gefühl des Bedeutungsverlusts.
In diesem Klima kann die AfD andocken. Sie bietet einfache Erklärungen für komplexe Probleme, benennt Sündenböcke statt Strukturen und inszeniert sich als Stimme der „Vergessenen“. Dass ihre Antworten reale Probleme nicht lösen, tritt dabei oft hinter das Bedürfnis zurück, überhaupt gehört zu werden.
Wer den Erfolg der AfD verstehen – und ihr wirksam begegnen – will, muss daher weniger auf moralische Abwertung setzen, sondern auf strukturelle Ursachen schauen: auf regionale Ungleichheit, fehlende Daseinsvorsorge, soziale Sicherheit und politische Teilhabe. Denn wo Perspektiven schwinden, wächst die Anfälligkeit für autoritäre und demokratiefeindliche Angebote.
Fazit
Demokratie entscheidet sich nicht in Sonntagsreden, Parlamentssitzungen oder Fernseh-Talkshows. Sie entscheidet sich im Alltag der Menschen: an sicheren Arbeitsplätzen oder prekärer Beschäftigung, an funktionierenden Busfahrplänen oder abgehängten Regionen, an offenen Schulen, bezahlbarem Wohnraum und daran, ob Innenstädte Orte des Lebens oder des Verfalls sind. Wer diese Realität ignoriert, überlässt das Feld denen, die aus Frust politische Munition machen.
Die AfD lebt davon, den öffentlichen Diskurs zu verengen: auf Schlagworte, Feindbilder und kalkulierte Provokationen. Wer ihre Aussagen einordnen oder widerlegen will, darf sich nicht auf den parteipolitischen Schlagabtausch beschränken. Wissenschaftler:innen und Journalist:innen müssen systematisch einbezogen werden – nicht als „Gegenseite“, sondern als Korrektiv. Ohne Fakten, Kontext und Recherche wird Öffentlichkeit zur Bühne für Populismus.
Dokumentationen, Recherchen und Hintergrundberichte über die AfD sind kein Aktivismus. Sie sind das Minimum journalistischer Verantwortung. Wer interne Machtkämpfe, ideologische Radikalisierung, Skandale und personelle Verflechtungen offenlegt, greift keine Partei an – er verteidigt die demokratische Öffentlichkeit. Das Narrativ von der „verfolgten Alternative“ funktioniert nur im Dunkeln. Wird Licht eingeschaltet, zerfällt es.
Eine Demokratie, die das nicht aushält oder sich davor scheut, ist nicht tolerant, sondern fahrlässig. Und eine Gesellschaft, die Aufklärung mit „Meinungskampf“ verwechselt, macht sich selbst wehrlos.
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