Dienstag, 15. September 2026
Theorie und Praxis

Die AfD und die „kleinen Leute“ – wem nutzt ihre Politik?
Die AfD gibt sich gern als Partei der „kleinen Leute“. Besonders in Krisenzeiten funktioniert dieses politische Muster: Ängste vor steigenden Preisen, sozialem Abstieg, Arbeitsplatzverlust, mangelnder Wohnraum, teure Mieten und einer unsicheren Zukunft werden aufgegriffen und politisch zugespitzt.
Doch wer genau hinschaut, sollte sich eine einfache Frage stellen:
Ist die AfD tatsächlich die Partei derjenigen, die sie zu vertreten vorgibt – oder versteht sie es vor allem, deren Ängste politisch zu nutzen?

Ihr Erfolgsrezept,
besteht häufig aus einer Mischung aus rechtem Kulturkampf, vereinfachenden Friedensforderungen und sozialpolitischer Rhetorik. Komplexe gesellschaftliche Probleme werden auf einfache Schuldzuweisungen reduziert. Geflüchtete, Migrant*innen, politische Gegner oder „die da oben“ werden zu Verantwortlichen für Entwicklungen gemacht, deren Ursachen weitaus komplizierter sind.
Gerade bei sozialen Fragen ist das bemerkenswert. Denn die entscheidende Frage müsste eigentlich lauten:
Warum reicht das Einkommen vieler Menschen trotz Arbeit kaum noch zum Leben? Warum steigen Mieten, Energie- und Lebenshaltungskosten? Warum wächst die soziale Ungleichheit? Und wer trägt dafür politische Verantwortung?
Statt diese Verteilungsfragen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, werden soziale Ängste nicht selten mit nationalistischen und rassistischen Deutungen verbunden. Aus der berechtigten Sorge um die eigene Zukunft wird so schnell die Abwertung anderer.
Das ist politisch ausgesprochen wirksam. Denn wo Unsicherheit herrscht, haben einfache Antworten Konjunktur. Wo Menschen das Gefühl bekommen, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu verlieren, können diejenigen punkten, die behaupten, für jedes Problem einen Schuldigen zu kennen.
Hinzu kommt, dass autoritäre, nationalistische und rassistische Einstellungen in Teilen der Gesellschaft vorhanden sind. Die AfD muss diese Einstellungen nicht erfinden. Sie kann an sie anknüpfen, sie verstärken und politisch mobilisieren.
Dass sie dabei zunehmend auch Arbeitnehmer*innen und Angestellte erreicht, sollte deshalb nicht einfach als Widerspruch abgetan werden. Es ist vielmehr eine politische Herausforderung.

Fazit
Eine entscheidende Frage lautet:
Was bringt Menschen dazu, einer Partei ihre Stimme zu geben, deren politische Vorstellungen möglicherweise mit ihren eigenen sozialen Interessen kollidieren?
Vielleicht liegt ein Teil der Antwort darin, dass Menschen nicht ausschließlich nach ihrem materiellen Interesse wählen. Zugehörigkeit, Wut, Angst, Enttäuschung, Sicherheitsbedürfnis und das Gefühl, von der Politik nicht mehr gehört zu werden, können ebenso entscheidend sein. Genau deshalb reicht es nicht, AfD-Wähler*innen einfach als „abgehängt“ oder „dumm“ zu bezeichnen. Das wäre nicht nur arrogant, sondern politisch kurzsichtig.
Man muss ihre Motive verstehen – und gleichzeitig die politischen Versprechen der AfD kritisch prüfen.
Denn am Ende zählt nicht, wie oft eine Partei von den „kleinen Leuten“ spricht. Es zählt, welche Politik sie tatsächlich für sie macht. Und genau dort sollte die Diskussion beginnen.
Nicht bei den Schlagworten. Nicht bei den Feindbildern. Sondern bei der einfachen Frage: Wem nutzt diese Politik – und wem schadet sie?

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