Donnerstag, 30. April 2026
St. Pauli – eine kurze Kiezgeschichte

Der Kiez: Ein Begriff wird zur Marke
Der Begriff Kiez stammt ursprünglich aus dem slawischen Raum und bezeichnete einfache Dienstsiedlungen. In Hamburg aber bekam das Wort eine neue Bedeutung: Heute steht es fast ausschließlich für das Rotlicht- und Vergnügungsviertel rund um die Reeperbahn.
Dabei begann alles überraschend unspektakulär: Im 13. Jahrhundert stand hier ein Kloster. Später nutzte man die freien Flächen zum Trocknen von Wäsche, bevor sich Handwerker und Fischer ansiedelten. Das benachbarte Altona – der Name wird oft als „allzu nah“ gedeutet – gehörte zeitweise zu Dänemark und bildete einen Gegenpol zur Hamburger Ordnung. St. Pauli lag genau dazwischen. Grenzgebiet – im örtlichen wie im gesellschaftlichen Sinne.

Freiheit, Geschäft und Verdrängung
St. Pauli war nie ein gewöhnliches Viertel. Es war von Anfang an ein Ort derer, die draußen bleiben mussten – und genau daraus entstand seine besondere Freiheit.
Vor den Toren der reichen Kaufmannsstadt Hamburg gelegen, lebten hier jene, die sich das Leben innerhalb der schützenden Mauern nicht leisten konnten – oder nicht durften. Gastwirte, Schausteller, Prostituierte, Handwerker: Berufe, die man brauchte, aber nicht sehen wollte. St. Pauli war nie Teil der „guten Stube“ – sondern immer ihr Hinterzimmer. Und genau das prägt den Stadtteil bis heute.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), schützte Hamburg sich mit massiven Wallanlagen. Doch Stadtteile wie der damalige:
Hamburger Berg – das heutige St. Pauli – blieben außen vor.
Hier siedelte sich an, was innerhalb der Stadt unerwünscht war:
* Amüsierbetriebe
* Kneipen
* Prostitution
* soziale Randexistenzen
Das war kein Zufall, sondern System. Die Stadt hielt sich sauber, indem sie das Ungewollte auslagerte – und gleichzeitig davon profitierte.
Denn mit dem Wachstum Hamburgs zog es immer mehr Menschen genau dorthin. Aus dem Rand wurde ein Zentrum eigener Art.

Die Reeperbahn: Arbeit, die zur Bühne wird
Ende der 1620er Jahre verlagerten sich die Werkstätten der Seil- und Reepschläger hierher. Die lange, gerade Bahn, auf der Taue gefertigt wurden, gab der Reeperbahn ihren Namen. Was als Handwerk begann, wurde später zur Bühne - für:
* Theater
* Zirkusse
* Tanzlokale
* Bordelle
Mit dem Aufstieg Hamburgs zum Welthafen – und später mit der Speicherstadt – wuchs auch der Bedarf nach Zerstreuung. Seeleute brachten Geld, Geschichten und Bedürfnisse mit.
St. Pauli lieferte die Antworten. Freiheit wurde hier nicht erfunden – sie wurde verkauft.

Zerstörung und Wiederaufbau
1814 ließ die französische Besatzungsmacht unter Napoleon Bonaparte große Teile des Viertels niederbrennen – aus militärischen Gründen, um freie Schussfelder zu schaffen.
St. Pauli wurde neu aufgebaut. Und es blieb, was es war: ein individueller Ort.
Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ, riesengroße Zerstörungen und tiefe Wunden. Ein fast vergessenes Kapitel ist das kleine Chinatown des Viertels, dessen Bewohner von der Gestapo verfolgt und zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. St. Pauli war nie nur bunt. Es war immer auch brutal.

Glamour, Gewalt und Geschäft
In den 1950er und 60er Jahren wurde die Reeperbahn und die Große Freiheit wieder zur Bühne der Welt. Hier spielten junge Bands wie The Beatles, Searchers, Gerry and the Pacemakers - lange bevor sie weltberühmt wurden.
Doch hinter der Fassade lief ein anderes Geschäft:
* Zuhälterbanden
* organisierte Kriminalität
* Machtkämpfe um Kontrolle und Geld
Figuren wie Wilfried Schulz prägten das Viertel ebenso wie später die „Nutella-Bande“. Luxus, Gewalt und Abhängigkeit lagen eng beieinander. Und mittendrin - Menschen.

Fazit
Bis in die 1970er-Jahre hinein galt St. Pauli als armes, aber solidarisches Arbeiterviertel. Hafenarbeit, prekäres Gewerbe und eine dichte Nachbarschaft prägten den Stadtteil – ebenso wie eine ausgeprägt linke politische Kultur. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Über 30 Prozent der Bewohnerinnen wählen „Die Linke“, während die AfD mit unter fünf Prozent politisch kaum Fuß fasst.
Ökonomisch jedoch ist St. Pauli kaum wiederzuerkennen. Seit Jahren steigen die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier rasant. Investoren entdecken den „Kiez“, während Sozialbindungen auslaufen und Wohnraum zur Ware wird.
St. Pauli bleibt Amüsierviertel und Marke – doch die Menschen, die seinen Ruf und seine Solidarität über Jahrzehnte geprägt haben, können es sich immer seltener leisten, hier zu leben.
Wie kaum ein anderer - steht dieser Stadtteil für Widerspruch. Über Jahrzehnte war der Kiez ein armes, solidarisches Arbeiterviertel, geprägt von Hafenarbeit, prekären Jobs und einer ausgeprägt linken politischen Kultur. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Noch immer wählen ca. 30 Prozent der Bewohner*innen „Die Linke“, während die AfD mit unter fünf Prozent politisch bedeutungslos bleibt.
Und doch ist St. Pauli heute ein anderes Viertel. Die Mieten im begehrten innerstädtischen Quartier steigen seit Jahren rasant, Investoren entdecken den Kiez als Marke, während Sozialwohnungen verschwinden und Nachbarschaften zerbrechen.

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