Behauptung der Politik und Arbeitgeberseite
Der Krankenstand in Deutschland hängt mit der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (tAU) zusammen.
Das behauptet Bundeskanzler Friedrich Merz. Anscheinend benötigt unser Bundeskanzler einen Nebenkriegsschauplatz, um - analog Donald Trump - von seinen nicht eingehaltenen Versprechen abzulenken.
Fakt ist
Für die Behauptung des Kanzlers und der Arbeitgeberseite gibt es keinerlei empirische Grundlagen. Die tAU ist nicht das Problem der Krankschreibungen. Warum?
1. Laut Zentralinstitut
Für die kassenärztliche Versorgung und Krankenkassenanalysen machen die tAU nur 0,8 bis 1,5 Prozent aller AU-Fälle aus.
Selbst bei Atemwegserkrankungen, dem häufigsten Krankheitsgrund, liegt der Anteil deutlich unter zwei Prozent.
2. Kein Nachweis für Missbrauch
Krankenkassen (AOK, Barmer) und ärztliche Verbände kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis:
Es gibt keinen Hinweis auf systematischen Missbrauch der tAU. Sie sind zeitlich begrenzt (maximal fünf Tage) und nicht verlängerbar. Nur für bekannte Patientinnen und Patienten ist die tAU möglich.
Die Regelung ist eng gefasst und missbrauchsarm – das bestätigen alle verfügbaren Daten.
3. Der Anstieg der Krankentage hat andere Hauptursachen
Über 40 Prozent der Fehlzeiten entstehen durch Langzeiterkrankungen (mehr als sechs Wochen) Besonders stark steigen: psychische Erkrankungen (z. B. Depressionen, Erschöpfung), Muskel-Skelett-Erkrankungen.
Kurze Krankmeldungen – egal ob telefonisch oder nicht – haben auf diese Statistik kaum Einfluss.
Wer Fehlzeiten reduzieren will, muss Langzeitbelastungen angehen, nicht Kurzzeit-tAUs.
4. Der „sprunghafte Anstieg“ ist zum Teil ein Statistik-Effekt
Seit Einführung der tAU werden Krankmeldungen vollständig erfasst. Früher gingen viele Papierbescheinigungen nie bei den Krankenkassen ein – besonders in den ersten sechs Wochen, in denen der Arbeitgeber zahlt. Folgerung:
Ein Teil des Anstiegs ist keine reale Zunahme von Krankheit, sondern bessere Erfassung.
5. Die Debatte lenkt vom Kernproblem ab
Arbeitsverdichtung, Personalmangel, Unsicherheit, Dauerstress und mangelnde Prävention bleiben politisch oft unbehandelt. Stattdessen wird Verantwortung individualisiert:
Nicht die Arbeitsbedingungen, sondern die Beschäftigten geraten unter Verdacht.
Die Diskussion über telefonische Krankschreibungen ist keine Problemlösung, sondern eine Ablenkung.
Fazit
Ein Instrument, das in über 98 Prozent der Fälle keine Rolle spielt, kann den Gesamtkrankenstand nicht signifikant beeinflussen.
Der hohe Krankenstand in Deutschland ist kein Beweis für Missbrauch, sondern ein Hinweis auf:
> steigende psychische Belastungen,
> strukturelle Defizite in der Arbeitswelt,
> und eine realistischere statistische Abbildung von Krankheit.
Wer ernsthaft etwas ändern will, muss über Arbeit, Gesundheit und Prävention reden – nicht über ein Instrument, das statistisch kaum ins Gewicht fällt.
... comment