Erinnerungen aus dem alten St. Pauli
Geboren 1943 *auf St. Pauli. Zur Schule gegangen von 1950 bis 1959 in der Seilerstraße 43.
* St. Paulianer sagen: „auf St.Pauli“
Gewohnt bis 1972 – in der Hein-Hoyer-Straße, die genau gegenüber der Davidswache in die Reeperbahn mündet.
Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt waren für uns keine schönen Begriffe, sondern Grundvoraussetzung des Alltags auf St. Pauli. Es war laut, eng, manchmal rau. Aber es gab etwas, das heute vielerorts fehlt: echten Zusammenhalt. Kein Heldentum, kein großes Drama – nur Einfallsreichtum und Vertrauen untereinander. Genau darin liegt vielleicht der Unterschied zu heute: Wir mussten uns aufeinander verlassen.
Wer allein war, hatte es schwer. Wer Teil einer Clique war, hatte alles: Freunde, Rückhalt, Abenteuer und eine Freiheit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Unsere Welt war St. Pauli: Bolzplätze und Straßen zum Fußballspielen, Hinterhöfe zum Versteckspielen, der Hamburger Hafen als Abenteuerspielplatz. Alles wurde zu Fuß, per Roller oder Fahrrad erkundet.
Besondere Höhepunkte waren unsere gemeinsamen Ausflüge in den Freihafen. Dort liefen die großen Schiffe ein, beladen mit Waren aus aller Welt.
Für uns war vor allem eines interessant: Südfrüchte Bananen, Apfelsinen, Zitronen.
Apfelsinen- und Zitronenkisten (Steigen genannt) sowie Bananenstauden wurden palettenweise per Kran von den Schiffen auf Elektrokarren abgelegt und in die dafür vorgesehenen Schuppen transportiert. Die noch grünen, unreifen Bananenstauden lagerten dort getrennt, bis sie reiften.
Die Schauerleute kannten uns Jungs – und sie hatten ein Herz für uns. Während sie die Ladung von den Schiffen in die Schuppen brachten, ging hin und wieder eine Steige (gezielt und bewusst) zu Bruch oder eine Bananenstaude zerbrach. So fiel für uns das eine oder andere Stück ab.
Kleine Gesten mit großer Bedeutung: Südfrüchte waren in den 1950er Jahren noch ein wertvolles Gut. Das eigentliche Problem kam danach.
Wie bekommt man die „Beute“ durch die Zollkontrolle? Der Freihafen war komplett gesichert und abgesperrt – Zäune, oben mit Stacheldraht versehen.
Per Fahrrad oder zu Fuß einfach durch die Kontrollstelle am Baumwall – mit vollen Taschen? Unmöglich. Wir brauchten eine Lösung, bei der wir weder Zollgebühren zahlen noch riskieren mussten, dass unsere Beute beschlagnahmt wurde. Diese Lösung fanden wir – wie so oft – gemeinsam.
Wir waren meist zu dritt oder viert unterwegs. Einer von uns fuhr mit leeren Satteltaschen oder Rucksack durch die Zollkontrolle und wartete draußen am Zaun – an einer Stelle, die von den Zöllnern nicht einzusehen war.
Die anderen blieben mit den Früchten noch im Freihafen und begaben sich auf der Freihafenseite zu eben dieser, vorher ausgesuchten Stelle.
Dort beförderten wir Bananen und Apfelsinen über den Absperrzaun. Unser Kumpel sammelte alles draußen ein. Anschließend fuhren wir ganz normal durch die Kontrolle unschuldig wie immer, nichts zu verzollen.
Außerhalb des Freihafens wurde verteilt, was wir zuvor gemeinsam „gerettet“ hatten.
Das war unsere Art, mit Grenzen umzugehen. Für uns war das der Normalfall – wir haben nicht darüber nachgedacht, ob er etwas Besonderes war.
Jede Generation hat ihre eigene Form von Freiheit. Unsere war draußen, direkt, greifbar. Man konnte sie sehen, hören, riechen. Sie hatte Ecken und Kanten – und manchmal auch ein bisschen Risiko. Heute ist vieles digitaler, schneller, globaler. Anders eben.
Fazit
Das Credo ist einfach: alles zu seiner Zeit. Aber eines bleibt – die Erinnerungen an Freundschaft, Zusammenhalt und diese unbeschwerte „Große“ Freiheit. Die kann einem keiner mehr nehmen.
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