Donnerstag, 18. Juni 2026
Wie die Rente ab 2036 mit weniger Beitragszahlern aussieht

Mehr Arbeitskräfte fehlen als angenommen
Das fördert eine neue Diskussionen über die Finanzierung der staatlichen Altersvorsorge.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln), berichtete unlängst in einer Untersuchung, dass bis zum Jahr 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Der Bevölkerungsstand sinke bis 2045 sogar um 2,9 Prozent auf etwa 81,1 Millionen Menschen. Damit habe sich der demografische Ausblick verschlechtert. Zuvor sei das IW noch von einem moderaten Wachstum bis 2040 ausgegangen, hieß es.
Wie steht es um die Rente im Jahr 2036 und danach? Wird es neue Finanzlöcher geben? Oder ist die staatliche Rente doch besser als ihr Ruf? Das behaupten zumindest viele Experten.
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Bökler-Stiftung, schrieb in einer Studie, dass die Ausgaben für die gesetzliche Rente, gemessen an der Wirtschaftsleistung, in Deutschland heute niedriger seien als vor knapp 30 Jahren.
Im Jahr 1997 hätten die Ausgaben bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gelegen. 2024 hätten sie jedoch nur 9,3 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung des Landes ausgemacht. Das sei umso bemerkenswerter, so die Studienautoren, da die Zahl der Rentnerinnen und Rentner in diesem Zeitraum um über drei Millionen Menschen gestiegen sei.
Denselben Trend beobachteten die Wissenschaftler vom WSI auch bei den Zuschüssen des Bundes in die Rentenkasse. Der Anteil der Bundesmittel liege derzeit zwar höher als noch in den 1990er Jahren. Doch die Zuschüsse seien zwischen 2003 und 2024 von 34 Prozent der Gesamteinnahmen der Rentenversicherung auf 29 Prozent zurückgegangen.

Wichtig ist,
vorhandene, potenzielle Kräfte zu mobilisieren. Dennoch wiegen die künftig fehlenden Arbeitskräfte schwer. Als Gründe geben die IW-Forscher einerseits die „eingetrübte konjunkturelle Perspektive“ an – das bedeutet, die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sehen für Fachkräfte aus dem Ausland derzeit nicht sonderlich attraktiv aus.

Der zweite Grund,
liege in der „Migrationswende der Bundesregierung“ – es würden also einfach nicht mehr so viele Menschen nach Deutschland kommen, die sozialversicherungspflichtige Jobs übernehmen.
Das IW-Köln prognostiziert, dass es kurz- und mittelfristig keine Zuwächse der Bevölkerung durch Zuwanderung zu erwarten gebe. Folgt man den Zahlen weiter, wird der Arbeitsmarkt in Deutschland – und damit auch die Finanzierung der gesetzlichen Rente durch die Beiträge – künftig stark davon abhängig sein, vorhandene Potenziale zu mobilisieren.
Das heißt für viele Experten, dass vor allem die Bedingungen für Frauen, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund attraktiver gestaltet werden müssten.
Der IW-Forscher Holger Schäfer sagte dieser Redaktion, es müsse zunächst darum gehen, Fehlanreize abzuschaffen.
„Wir müssen in einem Demografie-Check jedes Gesetz, jede Regelung und jede staatliche Leistung daraufhin untersuchen, ob es einen Anreiz bietet, weniger oder gar nicht zu arbeiten“, so der Arbeitsmarktexperte und Mitautor der genannten IW-Studie.
Laut IW-Forscher Schäfer müsse es „in einem zweiten Schritt“ darum gehen, „überhaupt die Möglichkeiten zu schaffen, dass Menschen mehr arbeiten“. Letztlich müsse es sich kurz- und mittelfristig für Erwerbstätige lohnen, mehr zu arbeiten. „Die Steuerungsmöglichkeit der Politik liegt hier in der Höhe des Abgabenkeils aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen.“

Künftig werden mehr Arbeitskräfte fehlen als bislang
Damit spricht Schäfer das grundlegende Dilemma der Bundesregierung an: Einerseits braucht sie Steuereinnahmen und Beiträge für die Sozialsysteme, um den Staat und seine Ausgaben am Laufen zu halten. Andererseits darf sie die Arbeitnehmer nicht zu sehr durch hohe Lohnnebenkosten belasten.
Laut dem Rentenexperten Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) gibt es mehrere Möglichkeiten, den Arbeitsmarkt attraktiver zu machen.
Für Frauen müsse es eine Reform des Ehegattensplittings in Richtung einer Individualbesteuerung geben, sagte Geyer. Dazu müsse die Minijob-Regelung überarbeitet werden, um die Teilzeitfalle abzubauen, ergänzt um eine verlässliche Kinderbetreuung.
Für Ältere müsse der vorgezogene Renteneintritt weniger attraktiv gemacht werden. Wichtig seien außerdem lebenslanges Lernen, Gesundheitsförderung und altersgerechte Arbeitsplätze.
Menschen mit Migrationshintergrund erreiche man mit einer „echten Willkommenskultur“ und vor allem mit einer „unbürokratischen, schnellen Anerkennung ausländischer Abschlüsse“. Auch die Sprachförderung sei wichtig.

Kritik an hohen Abzügen vom Bruttolohn
Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ifo-Institut München kritisierte darüber hinaus die hohen Abzüge vom Bruttolohn durch Steuern und Sozialbeiträge.
Dazu komme die Möglichkeit, hohe Lohnersatzleistungen zu erhalten, etwa durch das Bürgergeld. Auch gebe es bei vielen Menschen schlicht eine „Präferenz für Freizeit“, so der stellvertretende Leiter der ifo-Niederlassung in Dresden.
Ragnitz sagte, man könne die Kosten der Alterssicherung nicht einfach auf Steuer- und Beitragszahler abwälzen.
„Eigentlich ist das ein eklatantes Politikversagen. Prognosen des Gesamtsozialversicherungsbeitrags gehen ja in Richtung 50 Prozent. Man braucht also ganz sicherlich Reformen, die die Belastungen auf alle beteiligten Gruppen verteilen.“
So ergibt der Artikel einen zusammenhängenden Ablauf: Einführung → demografische Entwicklung → aktuelle Rentenlage → Arbeitskräftemangel → Lösungsansätze → politische Zielkonflikte → Kritik und Reformbedarf.

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