Der Volkswirt und Journalist Andreas Hoffmann zerlegt in seinem Buch: Die erfundene Bedrohung, eine Erzählung, die seit über 100 Jahren wiederholt wird:
Die Alten werden zu viele. Der Staat wird kollabieren. Die Jungen werden überfordert. Das System ist nicht haltbar. Und trotzdem: Es hält.
1. Die Dauerwarnung als politisches Instrument
Schon in der Weimarer Republik wurde vor dem „Rentenuntergang“ gewarnt.
Später unter Regierungen von Konrad Adenauer, Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Angela Merkel wiederholte sich das Muster:
• Zu viele Alte.
• Zu wenig Junge.
• Unfinanzierbar.
Doch während diese Warnungen rotierten, stieg der Wohlstand.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigem explodierte seit 1970.
Die Produktivität wuchs massiv.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erreichte Rekordwerte.
Die Gesellschaft alterte – und wurde gleichzeitig reicher.
2. Die unbequeme Zahl
1999 lag der Rentenbeitrag bei 20,3 Prozent.
Heute liegt er bei 18,6 Prozent.
Gleichzeitig:
• Millionen mehr Rentner
• Längere Lebenserwartung
• Mehr Rentenbezugsjahre
Das passt nicht zur Untergangsrhetorik.
Wenn ein System mehr Leistung erbringt und relativ weniger Beitrag verlangt, nennt man das normalerweise stabil.
3. Warum wird trotzdem ständig von Krise gesprochen?
Hier beginnt die eigentliche politische Kernbotschaft:
Geld = Macht = Geld.
Eine stabile gesetzliche Rente bedeutet:
• geringe Profitchancen für Finanzkonzerne
• weniger Bedarf an privaten Vorsorgeprodukten
• weniger Gebühren
• weniger Kapitalmarktgeschäft
Eine geschwächte gesetzliche Rente hingegen bedeutet:
• Riester-Verträge
• Rürup-Produkte
• Fondssparpläne
• Versicherungsprovisionen
• Verwaltungsgebühren
Angst schafft Nachfrage. Und die Botschaft „Du musst privat vorsorgen, sonst droht Altersarmut“ ist ein exzellenter Verkaufssatz.
4. Die „Alternativen“ – teuer, komplex, risikobehaftete, private Vorsorgemodelle wurden in den letzten 25 Jahren massiv gefördert.
Das Ergebnis ist ernüchternd:
• geringe Renditen nach Kosten
• hohe Bürokratie
• Intransparenz
• geringe Beteiligung bei Geringverdienern
Und in der Finanzkrise?
Banken und Versicherungen mussten mit Milliarden gerettet werden.
Die gesetzliche Rentenversicherung zahlte weiter.
Monat für Monat. Ohne Rettungspaket.
5. Der eigentliche Konflikt: Solidarprinzip vs. Kapitalmarkt
Die gesetzliche Rente basiert auf Solidarität:
Die Erwerbstätigen finanzieren die Ruheständler. Punkt.
Kapitalgedeckte Modelle basieren auf Renditeerwartung.
Sie funktionieren nur, wenn:
• Märkte stabil wachsen
• Kosten niedrig bleiben
• Krisen begrenzt sind
Doch Märkte kennen keine Solidarität.
Sie kennen Risiko.
Und Risiko trifft immer zuerst die Schwächeren.
6. Die demografische Realität – aber ohne Panik
Ja, die Babyboomer gehen in Rente.
Ja, das wird anspruchsvoll.
Aber entscheidend sind:
• Lohnentwicklung
• Produktivität
• Erwerbsbeteiligung von Frauen
• Migration
• politische Prioritäten
Demografie ist eine Rechengröße.
Politik entscheidet, wie sie interpretiert wird.
7. Die Machtfrage
Wenn man die gesetzliche Rente systematisch schlechtredet, passiert zweierlei
• Vertrauen in das Solidarprinzip sinkt.
•. Kapitalmärkte gewinnen Einfluss.
Und hier schließt sich der Kreis:
Geld sucht Macht.
Macht sichert Geld.
Eine starke gesetzliche Rente begrenzt die Profitchancen privater Anbieter.
Eine schwache gesetzliche Rente öffnet Märkte.
Fazit
Das gesetzliche Rentensystem ist nicht perfekt. Aber es ist historisch erstaunlich stabil.
Die eigentliche Instabilität liegt in der politischen Kommunikation - nicht in den Zahlen.
Vielleicht sollten wir weniger über „zu viele Alte“ reden und mehr darüber, wem die Dauerkrise nützt.
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