Montag, 5. Januar 2026
Hausarzt dringend gesucht

Arztpraxen
Wenn Arztpraxen keine Nachfolge finden, springen oft Investoren ein und gründen Medizinische Versorgungszentren. Sie übernehmen das Geschäftliche, die Mediziner sind angestellt. Welche Folgen hat das?
Der Zulauf sei im Moment nicht mehr zu bewältigen. Das geschieht deutschlandweit überall. Viele Babyboomer gehen in Rente, darunter auch viele Hausärzte. Die Robert-Bosch-Stiftung geht davon aus, dass im Jahr 2035 rund 11.000 Hausärzte fehlen werden.
Um das Problem in den Griff zu kriegen, wird immer öfter auf ein auf ein neues Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) gesetzt. Ärztekammern schlagen Alarm. Ihr sind die vielen MVZ ein Dorn im Auge. Sie fürchtet, es könnte Rendite statt Patientenwohl im Vordergrund stehen.
Was sind Medizinische Versorgungszentren? Ein MVZ ist eine ambulante Einrichtung, in der Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten. Es gibt sie seit 2004. Eingeführt wurden sie mit dem Ziel, die ambulante medizinische Versorgung flexibler und effizienter zu gestalten.Inhaber eines MVZ muss nicht zwangsläufig ein Arzt sein.
Infrage kommen auch Krankenhäuser, Kommunen oder gemeinnützige Träger. Die Zahl der MVZ ist in den vergangenen Jahren laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stark angestiegen, vor allem in Bayern und Nordrhein-Westfalen.Mittlerweile gibt es deutschlandweit mehr als 4.800 solcher Zentren mit mehr als 30.000 Ärztinnen und Ärzten. Sie werden nahezu ausschließlich als GmbH geführt.

Warum MVZ überhaupt entstehen
Der Kern des Problems ist nicht das MVZ, sondern der Nachwuchsmangel:

• Viele Hausärzte (Babyboomer) gehen in Rente
• Einzelpraxen gelten als ökonomisch riskant, bürokratisch belastend und schwer vereinbar mit Familie
• Junge Ärztinnen und Ärzte wollen angestellt arbeiten, planbare Arbeitszeiten, Teilzeit, weniger unternehmerisches Risiko.
MVZ sind darauf eine naheliegende Antwort:
• kein eigenes finanzielles Risiko
•   keine Praxisübernahme
•   keine Verantwortung für Abrechnung, Personal, IT, Miete
Ohne MVZ würden ganze Regionen heute schon unterversorgt sein.

Was MVZ leisten können (positive Effekte)
Versorgungssicherung:
•   Übernahme von Praxen, für die sich kein Nachfolger findet
•   besonders relevant in ländlichen Regionen und sozial schwächeren Stadtteilen

Attraktivere Arbeitsbedingungen
•   feste Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle
•   weniger Bürokratie
•   besser vereinbar mit Familie

Medizinische Zusammenarbeit
•   mehrere Fachrichtungen unter einem Dach
•   schnellere Überweisungen
•   bessere Abstimmung bei chronisch Kranken

Professionelle Organisation
•   moderne IT
•   standardisierte Abläufe
•   oft bessere Ausstattung

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E-Autos und deutscher Unternehmergeist

Deutsche Akteure: Verzögern, verwalten, verteidigen
In Deutschland ist dieses Muster besonders ausgeprägt, weil kaum ein Industriezweig so eng mit politischer Macht verwoben ist wie die Automobilindustrie.
Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und ihre Zulieferer sind nicht nur wirtschaftliche Schwergewichte, sondern strukturelle Machtfaktoren.
Hunderttausende Arbeitsplätze, Exportüberschüsse, regionale Abhängigkeiten – all das macht sie zu Akteuren, denen die Politik eher folgt, als sie zu führen. Diese Nähe hat Konsequenzen. Über Jahrzehnte wurde der Verbrennungsmotor nicht nur produziert, sondern politisch geschützt. Abgasnormen wurden verwässert oder verzögert, Übergangsfristen ausgedehnt, Grenzwerte verhandelt, nicht gesetzt. Klimawechsel war und ist immer noch ein Fremdwort.
Der Dieselskandal war kein Ausrutscher, sondern die Überzeugung einer Industrie, die wusste, dass sie politisch nicht ernsthaft sanktioniert wird. Schon hier zeigte sich die historische Parallele zur heutigen Zeit.
Statt den technologischen Wandel auf die E-Mobilität - siehe unser Nachbarland Niederlande - aktiv zu gestalten, setzte man auf Zeitgewinn. Elektromobilität wurde zwar angekündigt, aber nur halbherzig verfolgt.
Konzeptfahrzeuge ersetzten Serienproduktion, Pilotprojekte ersetzten Infrastruktur. Während andere Länder Ladepunkte aufbauten und die Batteriefertigung forcierten, verteidigte Deutschland den Status quo – im Namen von Arbeitsplätzen und Wettbewerbsfähigkeit.
Besonders deutlich wird das in der Rolle der Bundesregierung. Ob unter CDU/CSU oder SPD-geführten Verkehrs- und Wirtschaftsministerien.
Interessen der Autoindustrie wurden über Jahre hinweg als nationales Gut ausgegeben. Kaufprämien flossen bevorzugt in schwere Fahrzeuge, das Dienstwagenprivileg blieb unangetastet, Tempolimits galten als politisch unzumutbar. Klimapolitik wurde zur freiwilligen Selbstverpflichtung – und damit zur Verhandlungsmasse.
Die vielbeschworene Technologieoffenheit fungierte dabei als rhetorisches Schutzschild. Sie suggerierte Neutralität, meinte aber meist das Festhalten an bestehenden Geschäftsmodellen.
Wasserstoff im Pkw, E-Fuels im Individualverkehr – beide Optionen wurden politisch hochgehalten, obwohl früh absehbar war, dass sie vor allem eines leisten sollten: Zeitgewinn, um den Verbrennungsmotor weiter zu verkaufen.
Hinzu kommt die föderale Struktur. Bundesländer mit starker Autoindustrie – Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen – wirken im Bundesrat regelmäßig als Verstärker industrieller Interessen. Was dort blockiert wird, ist selten Zufall. Auch das erinnert an frühe industriepolitische Allianzen: Macht organisiert sich nicht laut, sondern wirksam.

Fazit
Die Konsequenz ist längst sichtbar. Deutschland, einst Technologieführer, hat bei Batteriezellen, Software und Ladeinfrastruktur für E-Autos den Anschluss verloren. Der Preis der Verzögerung ist hoch: ökonomisch, klimapolitisch und strategisch.
Während andere Märkte Standards setzen und Fakten schaffen, reagiert Deutschland – zu spät und unter Druck.
Damit schließt sich der historische Kreis. Auch heute scheitert Fortschritt nicht an mangelndem Wissen oder fehlender Technik, sondern an der hartnäckigen Verteidigung bestehender Machtverhältnisse. Es geht nicht um die Frage, ob Elektromobilität sinnvoll ist. Es geht um Macht. Und darum, wer die Kosten des Wandels trägt – und wer ihn sich leisten kann, weiter zu verzögern

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