Die Diskussion um die aktuelle Schuldenaufnahme sollte man unter folgendem Aspekt beleuchten. Wie wäre unsere heutige Situation, wenn wir in den 1950er Jahren keine Schulden gemacht hätten? Dieses Gedankenspiel ist von Natur aus spekulativ, da viele Einflussfaktoren – etwa politische Entscheidungen, globale wirtschaftliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Entwicklungen – eng miteinander verknüpft sind. Wie heißt es aber so schön: „Alles zu seiner Zeit“. Dennoch lassen sich einige Überlegungen – im Vergleich zur aktuellen Situation – anstellen.
Langfristige Entwicklung und Schulden
Das sogenannte Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre beruhte auf geliehenen Mitteln (Schulden), strukturellen Reformen, Innovationskraft und die Integration in den internationalen Handel.
Unterstützt wurde Deutschland und die europäischen Länder beim Wiederaufbau durch den Marshallplan, der durch den US-Außenminister George C. Marshall ins Leben gerufen wurde.
Ohne Schuldenaufnahme wären der Wiederaufbau und die Modernisierung sowie Investitionen in die Zukunft wahrscheinlich langsamer vorangeschritten. Nicht zu vergessen, die Schulden für Reparationszahlungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg getilgt werden mussten.
Die aktuelle finanzielle Situation ist nicht vergleichbar, aber was die Kosten anbetrifft ähnlich. Die Lage für öffentliche Investitionen, im sozialen Bereich, Infrastruktur, Wohnungsbau, Bildung, Forschung und Sicherheit, ist ohne eine entsprechende Neuverschuldung so eingeengt, dass sie nicht den aktuellen Erfordernissen entspricht und – nicht nur den sozialen Frieden gefährdet.
Fazit
Da es sich um ein zukunftsorientiertes Szenario handelt, bleiben viele Details und Wechselwirkungen unklar; das Ergebnis hängt stark davon ab, welche Kompensationsmechanismen, z. B. Steueranpassungen und staatliche Prioritäten gewählt werden.
Fakt ist, Investitionen durch Schulden – zur richtigen Zeit - bedeuten nicht den Untergang der Wirtschaft. Das beweisen die Schulden für die deutsche Wiedervereinigung.
Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung haben Forscher sich an einer Gesamtrechnung versucht. Unterschiedliche Quellen weisen auf Kosten von fast zwei Billionen Euro hin, die für die deutsche Wiedervereinigung flossen. Ohne Schulden wäre eine Wiedervereinigung nicht möglich gewesen.
Die Frage, ob Deutschland heute und in Zukunft besser oder schlechter mit der Aussetzung der Schuldenbremse dasteht, lässt sich schwer beantworten, weil sie von vielen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren abhängt. Sicher ist jedoch, dass die Schuldenaufnahme in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle für das sogenannte Wirtschaftswunder, die Stabilität der deutschen Wirtschaft und die Wiedervereinigung gespielt hat.
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